Klassik-Kritik

Wenn sich Dirigent und Orchester nichts zu sagen haben

Man fragte sich nach dem Konzert in der Philharmonie mit Werken von Schostakowitsch, Chatschaturjan und Brahms vergeblich, was das Bleibende ist, das das Deutsche Symphonie-Orchester und den bald schon wieder scheidenden Chef Tugan Sokhiev eigentlich verbindet.

Sokhievs Dirigierstil scheint so international standardisiert wie seine Künstlerpersönlichkeit für den Besucher selbst mehrerer Konzerte unter seiner Leitung schwer greifbar. Innerhalb des Spannungsfeldes der doch so unterschiedlichen Stücke werden natürlich keine persönlichen Vorlieben des Dirigenten erkennbar, aber eben auch sonst keine Anhaltspunkte, weshalb er hier und jetzt gerade diese Stücke dirigiert.

Es ist meistens gut, wenn ein Dirigent Hörgewohnheiten irritiert, doch das Irritierendste an diesem Abend war, wie ähnlich die Werke unterschiedlicher Länder, Zeitalter, Weltanschauungen klingen können. Dmitri Schostakowitschs Ballett-Suite Nr. 1 ist eine Folge von konsumorientierten, effektbewussten Tanzsätzen, gewiss, aber der junge Schostakowitsch inszeniert seine skurrilen, feinsinnigen Pointen meisterhaft und jenseits dessen, was die stalinistischen Kulturkommissare wahrzunehmen fähig waren – Sokhiev verpasst viele dieser Pointen.

Das wie eh und je engagiert und einfühlsam spielende DSO kann dafür wenig. Davon Zeugnis gibt Aram Chatschaturjans einst namentlich im Ostblock sehr bekanntes Klavierkonzert Des-Dur, das von Jean-Yves Thibaudet gespielt wird. Thibaudet ist einer jener Pianisten, die belegen, das nicht die jüngsten, sondern die klügsten Köpfe die Klavierkunst voranbringen. Die kühl hämmernde Ironie des 1936 vom zum Zeitpunkt der Komposition noch jungen Armenier vollendeten Stückes wird von Thibaudet nicht romantisiert und verkitscht, aber doch kunstvoll vermenschlicht und aus der Klischeevorstellung von sowjetischer „Maschinenmusik“ herausbefördert. Das Zusammenspiel zwischen Thibaudet und den Orchestergruppen, das sich oft aus dem inspirierten Augenblick ergibt, läuft weit feingliedriger und musikantischer ab, als es durch Sokhievs seltsam präpariert scheinendes Dirigat möglich wäre.

Die Orchestersolisten, die diese Aufgabe von Thibaudet in der Zweiten Brahms-Sinfonie nach der Pause übernehmen könnten, werden von Sokhiev nicht rechtzeitig in ihrem Tun unterstützt. Auch hier wirkt das hemdsärmelige Hineingreifen des Dirigenten ins Orchestergeschehen wie am Reißbrett ausgedacht, hat mit den musizierenden Individuen wenig zu tun, gibt ihnen keine Sicherheit. Es ist der Erfahrung des Orchesters mit dem lebensfrohen und von sich aus sogkräftigen Brahms-Werk zu danken, dass der Abend dennoch ein Erfolg wird.