Theater

Romeo und Julia auf der Hebebühne

Christopher Rüping glaubt, dass es die romantische Liebe nur im Theater gibt

Die Liebe ist geschehen, die Särge stehen parat. Die Lerche, nicht die Nachtigall, war auch schon da, und aus den Mündern von Romeo und Julia quillt das Blut stoßweise. Zu diesem Zeitpunkt ist Christopher Rüpings Inszenierung der berühmtesten Liebesgeschichte der Weltliteratur gerade 15 Minuten alt und schon ist alles erzählt. Im Schnelldurchlauf, nur zur Sicherheit, falls jemand die Story nicht mehr parat hat, denn was jetzt folgt, hat mit dem Original nur bedingt zu tun.

Es waren nur knapp vier Tage, in denen, laut Shakespeare, die beiden Teenager aus verfeindeten Familien sich kennenlernten, sofort verliebten, direkt heirateten und schließlich gemeinsam starben. Im Grunde ziemlich unglaubwürdig. So etwas, das macht Rüping, der aktuell als einer der hoffnungsvollsten Jungregisseure gehandelt wird und mit seiner Stuttgarter Inszenierung von „Das Fest“ auch zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen ist, in den Kammerspielen deutlich, gibt es gar nicht in echt, so etwas, das gibt es nur im Theater, dessen Mittel er dann auch demonstrativ ausstellt. Die Bühne ein unfertiger Bretteraufbau, die Requisiten wirken improvisiert, es gibt Gift aus Plastikflaschen. Da bespucken sich die Protagonisten am laufenden Band mit Kunstblut, ständig fällt einer aus der Rolle, verirrt sich ins Publikum. Und Romeo ruft, als er an Julias Balkon hängt, der hier als Baustellenhebebühne einen relativ unromantischen Auftritt hat, japsend nach Magnesium für den besseren Halt.

Zusätzlich verschiebt Rüping die Zeitebenen und die Perspektiven, beleuchtet die Teenie-Liebe zunächst aus Sicht von Julias Familie, den Capulets, die hier als grotesk geltungsbedürftiges Personal einer italienischen Oper auftreten, allen voran Michael Goldberg als überdrehter Hausherr Capulet (und später auch noch als Amme und als Pater Lorenzo). Danach alles noch mal auf Anfang, jetzt mit der Montague-Sippe als lüstern hochgeheiztes, leicht linkisches Pack. Erst im dritten Teil, endlich: Das Paar, weitgehend befreit von allem Drumherum, von all den anderen, die jenen, denen ohnehin nicht zu helfen ist, wenig dienlich sind. Wie Wiebke Mollenhauers zarte, aber liebesgewisse Julia und Benjamin Lillies gefühlsverwirrter, zu pubertären Überreaktionen neigender Romeo sich beim ersten Kuss auf dem Sofa sehenden Auges ungestüm dem Ungetüm Liebe an den Hals werfen, das ist schon sehr schön. Und doch erst ein Vorgeschmack auf die herzerwärmendste Szene des Abends, wenn die beiden, nur von zwei Feuerzeugen abwechselnd kurz beleuchtet, nackt und staunend voreinander stehen.

Mit dem echten Leben soll diese Liebe bei Christopher Rüping gar nichts zu tun haben, dort stellt er sie als unmöglich aus, macht sich aufs Lächerlichste gemein mit dem Umfeld der Liebenden und überschreitet dabei manches Mal die Schmerzgrenze. Es ist eine verwegene Inszenierung, ein Rausch der Möglichkeiten der Liebe und des Theaters, ein Abend, der vor lauter Regieeinfällen fast aus allen Nähten zu platzen droht. Viele davon gehörten knallhart gestrichen, andere aber treffen ins Mark. Alles noch nicht ganz optimal, aber mit Potenzial, denn hier traut sich einer was, einer, der trotz allem an die Liebe als Mythos glaubt, Grenzen sprengend, zeitlos, aber leider nicht fürs Leben gemacht, sondern in der dargestellten Konsequenz nur für den Tod. Oder eben fürs Theater.

Deutsches Theater (Kammerspiele), Schumannstr. 13a. Tel. 28441225 Termine: 2. und 3.4. um 19,30 Uhr