Fernsehen

Nichts ist in Ordnung

Kindheit im sozialen Nirgendwo: Der „Tatort“ aus Kiel

Es ist das Souterrain der Gesellschaft, in das dieser „Tatort“ führt, und eigentlich klingt das Wort Souterrain noch viel zu elegant dafür. Es ist eine Welt, in der Schnapsflaschen auf fleckigen Teppichen herumliegen, wo die Vorhänge nikotingelb gefärbt sind und die Pornovideos neben ausgekippten Aschenbechern liegen. Im Kieler Stadtteil Gaarden spielt dieser Fall der Kommissare Borowski und Brandt, und diese Gegend gilt auch in der Wirklichkeit als ein Brennpunkt mit vielen sozialen Härten. In diesem „Tatort“ macht er seinem Ruf alle Ehre.

Es geht um ein Problem, von dem man auch in Berlin schon gehört hat, über das aber zu selten gesprochen wird. Der Pädophile Onno, ein arbeitsloser Alkoholiker, hat regelmäßig Besuch von Jungs aus dem Viertel. Nicht etwa, weil er sie dazu zwingen würde, sondern weil sie bei ihm so etwas wie Gemeinschaft finden, etwas gegen die Langeweile. Er verlangt im Gegenzug nicht viel von ihnen, der Alkohol hat seine Libido schon viel zu stark zerrüttet. Aber jetzt liegt Onno mit zerschmettertem Schädel in seiner Wohnung, jemand hat mit einem Hammer auf ihn eingeschlagen. Nichts war in Ordnung in dieser Welt, jetzt aber ist alles komplett am Ende.

Es ist natürlich nicht ohne eine gewisse Ironie, dass nun mit dem Stadtteilpolizisten Torsten Rausch jemand auftaucht, den Kommissarin Sarah Brandt von früher kennt. Denn sie wird von Sibel Kekilli gespielt, während Torsten Rausch von Thomas Wlaschiha verkörpert wird, und wer die international erfolgreiche Fantasysaga „Game of Thrones“ kennt, der weiß, dass die beiden dafür gemeinsam vor der Kamera gestanden haben. Das ist aber nicht mehr als eine kleine cineastische Verbeugung am Rande, dem Buch von Eva Zahn und Volker A. Zahn geht es um etwas sehr Ernstes. Es geht um zerstörte Kindheiten und die Folgen. Es geht um die vielleicht naive, aber letztlich alles entscheidende Frage, warum man zu Kindern unbedingt nett sein muss. Und was passieren kann, wenn nicht.

Und es wird immer dann anstrengend in diesem „Tatort“, wenn er sich nicht auf dieses Thema verlässt und auf Nebengleise ausweicht, die irgendwann einmal als dramaturgische Standardrezepte für die Sonntagabendunterhaltung ersonnen worden sind. Wenn er etwa zwischen Brandt und Rausch eine sich anbahnende Liebesbeziehung konstruieren will und die cowboyhafte Attitüde des Polizisten, der seine Kollegin impertinent und mit rauchiger Stimme „kleine Nachbarin“ nennt, zum peinlichen Störfeuer wird.

Aber wie Axel Milberg als Kommissar Borowski durch diese ihm völlig fremde Welt stolpert, wie er sich auf Bolzplätzen von gegelten Halbwüchsigen auslachen lässt und sie dennoch verstehen will: Das ist schon sehenswert, das bleibt von diesem „Tatort“ in längerer Erinnerung.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.