Oper

Verklemmte Helden

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Volker Blech

Der Russe Dmitri Tcherniakov hat „Parsifal“ an der Staatsoper inszeniert. Heute ist Premiere

Wenn sich bei der heutigen „Parsifal“-Premiere nach fünfeinhalb Stunden der Schlussvorhang in der Staatsoper senkt, dann werden sich einige im Publikum erlöst fühlen. Wagner macht es niemandem leicht mit seinem christlich verbrämten Bühnenweihfestspiel, worin Parsifal nach dem heiligen Gral und beiläufig dem Sinn seiner Existenz sucht. Für Regisseure muss es ein furchtbares Stück sein. Es war noch nie leicht, auf der Opernbühne sinnvoll erlöst zu werden. Aber Dmitri Tcherniakov lacht nur schelmisch. Er habe eine gute Schlusslösung gefunden, meint er. Am liebsten würde er sie gleich erzählen, aber vor der Premiere will er dann doch nicht alles ausplaudern.

Staunen und Jubel

Dmitri Tcherniakov, Jahrgang 1970, gehört zu den aufregendsten Regisseuren, die derzeit in der Opernwelt unterwegs sind. Der Moskauer hatte 1993 sein Studium an der Russischen Akademie für Theaterkunst beendet, danach begann er sich quer durch das russische Reich zu inszenieren. Seither wird er mit Aufträgen und Preisen überhäuft. Vor zehn Jahren inszenierte er das erste Mal im Westen, Stardirigent Daniel Barenboim hatte ihn an die Staatsoper Unter den Linden für Mussorgskys „Boris Godunow“ verpflichtet. Das Publikum staunte und jubelte.

„Ich bin viele Ängste losgeworden, seitdem ich das erste Mal herkam. ,Boris Godunov‘ war für mich eine schwere Prüfung, inzwischen habe ich 20 Inszenierungen in Europa und Amerika gemacht“, sagt Tcherniakov. Er will sagen, jetzt läuft alles easy. Aber dann zögert er. „Wenn es mir leichter fällt, dann ist das eigentlich ein schlechtes Signal. Routine ist etwas Gefährliches.“ Also fügt er hinzu: „Jede Inszenierung ist für mich eine Quälerei.“ An der Staatsoper folgten 2008 Prokofjews „Der Spieler” und 2013 Rimski-Korsakows „Die Zarenbraut“. Im Schiller Theater spricht man voller Bewunderung von ihm, obwohl es in seiner Probenarbeit auch etwas chaotisch zugehen soll.

Der Regisseur wirkt im Gespräch lustig und ernst, offen und verschlossen. Den Namen Hitler überhört er einfach in einer Frage. Die Erlöseroper erregte den Diktator, weiß man, er griff sogar in eine Bayreuther Inszenierung ein. „Bei Wagner ist es nur schwer zu fassen, wie christlich er eigentlich ist“, weicht Tcherniakov der Frage nach Missbrauch und Missverständlichkeit von Wagners letzter Oper aus. „Natürlich benutzt er christliche Motive, aber es gibt verschiedene Ansichten darüber, ob das ein Modell oder ein Fake ist. Er schafft sich eine eigene Glaubenswelt. Aber in unserer Inszenierung sind andere Dinge wichtiger.“ Dann erzählt er, wie intensiv er sich auf „Parsifal“ vorbereitet hat. Es ist das erste Mal, dass er außerhalb Russlands Wagner inszeniert.

In der Sowjetunion fand sich Wagner über Jahrzehnte hinweg kaum im Opernrepertoire wieder. Den „Parsifal“ kannte Tcherniakov lediglich durch die einzig erhältliche Einspielung, die von der staatlichen Schallplattenfirma Melodia angeboten wurde. Hans Knappertsbusch hat dirigiert, eine gemächliche Einspielung. Große Dirigenten deuten das Weihfestspiel höchst unterschiedlich. Während Pierre Boulez den „Parsifal“ in den 60er-Jahren in gut dreieinhalb Stunden schaffte, meditierte Arturo Toscanini 1931 über vierdreiviertel Stunden am Pult dahin. Daniel Barenboim gehört zu jenen, die die Oper eher breit ausmusizieren. „Ich habe vorher seine Aufnahmen gehört und versucht, mich darauf einzustellen“, sagt Tcherniakov: „Daniel Barenboim hat das wahrscheinlich hundertmal dirigiert, für mich ist es der erste ‚Parsifal‘.“

Ein Provokateur

Daheim in Moskau hat er mit seinen Freunden darüber diskutiert, was für ein Typ dieser Parsifal wohl ist. Man ist zu dem Schluss gekommen, dass er heutzutage jemand wäre, der sich extremen Dingen aussetzen würde, der auf Autodächern herumspazieren oder von der Brücke auf einen Zug springen würde. „Er ist einer, der das Schicksal herausfordert“, sagt Tcherniakov: „Etwas später versteht man, was seine Neurose ist. Ganz bestimmt hat es etwas mit seiner Mutter zu tun. In vielen Szenen sehen wir, dass er ein sexuelles Problem hat. Auch seine provozierende Haltung ist eine Art Konversion dieser sexuellen Verklemmtheit.“

Im zweiten Akt befreie Kundry ihn von der Neurose, glaubt Tcherniakov. „Und was passiert mit einem Menschen, der eine solche Explosion an Sinnlichkeit erfährt? Er bekommt einen fürchterlichen Schreck und setzt sich wieder eine Maske auf. Er versteckt sich hinter fremden Worten, hinter einem Dogma.“ Tcherniakov will offenbar im „Parsifal“ mehr die Menschen als die Mysterien aufspüren. Vor dem Begriff Psychodrama schreckt er allerdings dann doch zurück.

Die Bühnenbilder macht er in der Regel gleich selber mit, sie sind Teil seines Gesamtkunstwerks. Diesmal haben ihm die Freunde und Förderer der Staatsoper das Bühnenbild mit 100.000 Euro gefördert. Wenn Tcherniakov für Barenboims Festtage inszeniert, soll er aus dem Vollen schöpfen können. Auf der Bühne gibt es im „Parsifal“ zwei Gegenwelten: Auf der einen Seite die Gralsburg mit dem dahinsiechenden Ritterorden, der auf den Erlöser wartet, auf der anderen Seite Klingsors Zaubergarten, ein Ort der falschen Verführungen. „Es sind nicht wirklich Gegenwelten“, sagt Tcherniakov. „Auch Klingsor war ein Gralsritter. Wir wissen nicht, aus welchen Machtgründen er ausgestoßen wurde.“ Klingsor lebe dieses Trauma aus, glaubt der Regisseur, er hasst die Gralsritter, aber er kann nicht loslassen. „Deshalb hat er sich genauso einen Raum gebaut wie den der Gralsritter, nur in einer anderen Farbe“, sagt Tcherniakov. Bleibt nur noch zu klären, wer im schwarzen und wer im weißen Raum residiert? Aber die Frage wischt Tcherniakov beiseite: „Das machen ja nur Kinder, die Welt in Gut und Böse einteilen.“