Selbstreflexion

Gegen den Literaturbetrieb

Jan Brandt hat ein neues Genre geschaffen: das zweite Buch

Angefangen hatte es höchst unterhaltsam. Bei der Verlagsankündigung von Jan Brandts neuem Buch „Tod in Turin“ (DuMont, 300 Seiten, 19,99 Euro) hat DuMont auf die üblichen nichtssagenden Lobpreisungen verzichtet. Kein „Ein Autor, den man sich merken muss“, kein „kraftvolles Debüt“, kein „Buch des Sommers/Frühjahrs/Herbsts/Winters“. Im Gegenteil. Der Verlag warnte: „Ich habe ja schon mit vielen Schriftstellern zu tun gehabt. Aber keiner ist so schwierig wie er“, wird eine Assistenz zitiert. „Ich war froh, dass er endlich auf Lesereise ging und nicht mehr ständig bei uns im Verlag rumhing“ sagt eine Pressefrau. Die Herstellung, der Lektor, jeder haut mal drauf.

Neben den Anti-Blurbs prangt ein riesiges Porträt von Jan Brandt. Der gescholtene Autor starrt den Betrachter an. Man ahnt, dies ist Satire, dennoch ist man verwirrt. Hat der nicht wirklich einen arroganten Blick? „Der Autor steht für Interviews und Lesungen nicht zur Verfügung“, informiert der Verlag. Jan Brandt, Verfasser des großartigen Adoleszenz-Romans „Gegen die Welt“, ein Arsch? Den hat man doch bei Lesungen erlebt, lustig war er da, hat eine Heavy-Metal-Perücke aufgesetzt. Nein, es ist klar, das hier ist ein gelungener Witz über die Tradition der Buchankündigung. Verlag und Autor sind auch noch cool genug, ihn nicht aufzuklären. Mit diesem Kniff erreichen sie genau das, was das Genre bezweckt: Man ist gespannt.

Wir treffen den „Ich-Erzähler“ von „Tod in Turin“ zum Zeitpunkt seines größten Erfolgs. Mit seinem „BRD-Untergangsroman“ ist der Autor auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gelandet. Er liest in Prag, eine Übersetzung ins Italienische wird in Aussicht gestellt, sein Verleger verliebt sich in ihn. Schon träumt der Autor, der auffällige Ähnlichkeiten mit Jan Brandt selbst hat, von einen Haus am See, am Meer, von Fernsehserien und Actionfiguren. In einem guten Roman würde so ein tiefer Fall vorbereitet.

Aber „Tod in Turin“ ist kein Roman. Er ist auch keine „italienische Reise ohne Wiederkehr“, wie der Untertitel behauptet. „Tod in Turin“ ist das zweite Buch von Jan Brandt. Und das ist konsequenter, als es jemals ein zweites Buch gewesen ist. Denn „Tod in Turin“ ist ein zweites Buch, das von den Qualen handelt, ein zweites Buch zu schreiben, während der Erfolg des ersten alles erstickt. Es ist ein zweites Buch hoch zwei. Eine Selbstreflexion über die Selbstreflexion. Und dann spiegelt es auch gleich noch den gesamten Literaturbetrieb, die Schnappatmung rund um Buchpreise, Häppchen auf den Buchmessen, blöde Fragen nach der eigenen Biographie bei Lesungen, und Kritiker, die die Bücher gar nicht gelesen haben. Das klingt nicht ganz unanstrengend und vor allem nicht ganz unbekannt. Und das ist es leider auch nicht.

„Ein Schriftsteller ist eine Person, die sich der Illusion hingibt, es werde ein weiteres Buch von ihr erwartet“, hat der Schriftsteller Reinhard Lettau mal gesagt. Jan Brandt hätte dieses weitere Buch auch einfach ausfallen lassen können und erst dann wieder schreiben, wenn ihm etwas einfällt. Er hat sich dagegen entschieden. Er ist trotzdem ein guter Schriftsteller. Dann klappt es vielleicht beim nächsten Buch wieder.