Stadtplanung

Tauchen in Unterwasserwelten

Das Empfangsgebäude für die Museumsinsel in Berlin wird mit 134 Millionen Euro fast doppelt so teuer wie einmal geplant

„Mehrere Male“, sagt Günther Schauerte, Vizepräsident der Preußenstiftung, hätte er verzweifelt an der Baugrube gestanden, hineingeschaut und nur gedacht: „Was für Science-Fiction, wie die Taucher da unten im tiefen Schlamm herumwühlen.“

Für die Stiftung gibt es ein erneute Bauverzögerung. Zunächst hieß es, die von David Chipperfield geplante James-Simon-Galerie werde 2014 fertig, im Jahr 2013 wurde 2016 angekündigt, nun lautet der Eröffnungstermin 2018, also vier Jahre später. Mehr noch: Die Kosten sind explodiert. In der Bauplanung von 2008 ging man von 71 Millionen Euro aus, 2013 stieg die Summe auf 98 Millionen Euro, nun werden 133,8 Millionen Euro veranschlagt. Fast das Doppelte der ursprünglichen Kosten. Der Bund, so Barbara Große-Rhode, Referatsleiterin beim Bundesamt für Bauwesen (BBR), hätte gerade in den letzten Wochen das 34,8 Millionen-Euro-Loch gestopft. Große-Rhode hat das Nerven gekostet und manche Überstunden, als klar wurde, warum die Baustelle so aus dem Ruder läuft.

Eine Pleite und Baupfusch

Es ist bekannt, dass es – ähnlich wie bei der Staatsoper – Probleme mit dem Grund, also der Baugrube gab. Sie konnte, nicht wie geplant, in einem, sondern erst in fünf Jahren fertiggestellt werden. Durch eiszeitliche Auswaschungen, die bis in 40 Meter Tiefe reichen, bildet sich Kolk. Alles ist „bodenlos“ und mit weicher Mudde gefüllt. Ein weiteres Problem ist der Grundwasserspiegel mit 2,5 Meter. Eine Firma ging pleite und hinterließ auch noch Baupfusch. Mit Schadensersatz von 40 Millionen Euro ist nicht zu rechnen. Unter Wasser bildeten sich aus aufgesprengtem Zement und Beton massive Unterwassergebirge, die abgetragen wurden. Taucher wurden eingesetzt – mit einem Plus von 28 Millionen Euro. Die schlingerten da unten offenbar rum wie in einer „Salatsoße“ (Große-Rhode), weil sich Beton und Wasser komplett vermischt hatten. Sie versuchten, das Zementsteingebilde zu zerstören. Oben schaufelten dann Hydraulikbagger Schlamm und Wasser von einem Trog in den anderen. Neun riesige Bauzeichnungen an der Wand des BBR-Büros am Kupfergraben zeigen die einzelne Schritte.

Für einen Laien hört sich das Projekt „Unterwasserwelt“ ziemlich abenteuerlich an, zumal man weiß, wie weich der Berliner Boden ist. Man könne sich zwar mit Hilfe von geologischen Gutachten und historischen Dokumenten einen Überblick verschaffen, aber letztlich sei der Grund so inhomogen, dass erst Taucher sehen können, was dort tatsächlich los ist. „Wir können da nicht reingucken“, meint Große-Rhode. Und: „Ein Restrisiko besteht immer.“

Preußen-Vize Günther Schauerte beruhigt sich damit, dass dieser Vorgang eine „Ausnahmesituation“ im Masterplan der Museumsinsel ist. Immerhin sind das Bode-Museum und das Archäologische Zentrum im Kosten- und Zeitplan geblieben, das Neue Museum unter David Chipperfield hat den Kostenrahmen gar unterschritten.

„Designeranzug“ für die Insel

Er bleibt dabei, dass die anfangs umstrittene James-Simon-Galerie der „Designeranzug für die Museumsinsel“ ist. Über dieses Eingangsgebäude sollen immerhin drei bis vier Millionen Besucher jährlich in die fünf Museen der Insel geführt werden. Knapp 11.000 Quadratmeter umfasst der schlanke Riegelbau mit den eleganten Hochkolonnaden, allein 300 Quadratmeter wird das Auditorium haben, 650 Quadratmeter die Sonderausstellungshalle. Ein Restaurant, vom Eingangsgebäude zu erreichen, aber auch von außen, bietet 100 Plätze und außen auf der Terrasse noch einmal 100. Ein Bootsanleger wird wohl die Attraktivität der Museumsgastronomie erhöhen.

Auf der Baustelle stehen derzeit drei Kräne, Betonwände wachsen, das Zwischengeschoss ist fertig. Vom Kupfergraben aus sieht man bereits die Umrisse für das Auditorium. Mitte des Jahres soll der Durchbruch zum Pergamonmuseum erfolgen. Noch ist schwierig zu erkennen, wie die drei Geschosse, Chipperfield nennt es Ebenen, einmal über die Freitreppe und die Hochkolonnaden laufen werden. Nächstes Jahr soll Richtfest sein.

Martin Reichert von David Chipperfield Architects gibt sich zuerst einmal selbstkritisch bei der Erklärung des aktuellen Entwurfes für die James-Simon-Galerie. Der erste Entwurf mit dem Glaskubus sei als Solitär „autistisch“ gewesen und hätte sich dem „Dialog verweigert“. Kurzum: Im aktuellen Entwurf nimmt sich der Beton-und Glas-Baukörper zurück, fügt sich mehr ein in das historische Umfeld („klassizierend“) und zitiert mit den Hochkolonnaden einen nicht realisierten Entwurf Alfred Messels von 1907 für das Pergamonmuseum. Chipperfields Verbeugung vor der Geschichte der Insel.

Hauptänderung aber ist die Ausrichtung des Eingangsgebäudes gen Süden, die „neue Hauptadresse heißt Humboldt-Forum“, erklärt Reichert. Dadurch soll der Besucherfluss vom und zum Schloss gelenkt werden. Klar ist, dass es keinen Fußgängertunnel zum Humboldt-Forum geben wird. „Kostenmäßig“, erklärt Günther Schauerte, „wäre dieses Projekt nicht zu leisten gewesen.“ Über eine neue Verkehrsreglung aber denke man nach.

2018 soll die James-Simon Galerie fertig sein, 2025 das Pergamonmuseum. 385 Millionen Euro wurden 2008 für die Sanierung festgelegt. „Da werden“, sagt Große-Rhode, „weitere Kosten dazukommen.“