Ausstellung

Hier ist Kunst harte Arbeit

Die Farben düster, der Pinselstrich grob: Die Markus-Lüpertz-Werkschau in der Villa Schöningen

Als der Künstler Markus Lüpertz kürzlich zum ersten Mal das Arrangement seiner Bilder in der Potsdamer Villa Schöningen gesehen hat, sagte er erst mal lange nichts. Und dann nur ein Wort: „Brutal.“ So erzählt sein langjähriger Freund, Kunsthändler und Kurator der Ausstellung Michael Werner und liefert seine Interpretation gleich dazu. „Er meint wahrscheinlich hässlich.“

Vielleicht meint der große deutsche Künstler damit aber auch „Was für ein drastischer Rundumschlag“. Schließlich drängen sich in der Werkschau über 60 Bilder und sieben Skulpturen aus knapp 50 Jahren Schaffenszeit in sechs Räumen. Wer einen Überblick über Lüpertz’ Werk sucht, ist hier richtig, wer eine Herausforderung sucht auch. Lüpertz großformatige Bilder von 1966 bis 2014 sind eng gehängt, die Farben düster, der Pinselstrich grob. Die wilden Formen, nackten Körper und kriegerischen Landschaften knallen geradezu von der Wand und bedrängen den Betrachter. Ausweichen kann er nicht, tritt er einen Schritt zurück, steht er schon vor der nächsten Wucht.

In den 60er-Jahren malte Lüpertz Seerosen auf einem eckigen Blättermeer, das aussieht, als wäre es eine Form im Computerspiel Tetris. Es war sein eigentümlicher Beitrag zur Pop-Art, Lüpertz wollte schließlich berühmt werden. Und für eine Kopie hat er gleich selbst gesorgt: Viele seiner Bilder hängen in zweifacher Ausführung an der Wand. Gegenüber den doppelten Seerosen rebelliert der Lüpertz der 70er-Jahre gegen die Verdrängung deutscher Vergangenheit. Kriegssymbolik: Ähren, Spaten und deutscher Stahlhelm vereint der Maler riesengroß und archaisch. „Das wollte damals natürlich keiner sehen“, sagt Werner. Als er diese Bilder in seiner Galerie ausstellte, wäre er fast pleite gegangen.

Dominiert wird die Werkschau aber von Körpern. Fast alle nackt, meist von hinten, manchmal kopf- und formlos, meist aber anmutig und formvollendet. Viele muskulöse Männerpopos, eine klassische Marmorfigur vor einer Teltower Landschaft, ein hockender Frauenakt vor märkischer Natur, ein nacktes Baby auf der Straße, das von einem Männerbein zertreten wird, es ist ein Ausschnitt des Kindermordes zu Bethlehem nach Poussin – Lüpertz vereint deutsche Geschichte mit antiken Mythen. Und immer wieder der Totenkopf, als Skulptur oder Teil seiner Gemälde. Der Totenkopf als Zeichen der Vergänglichkeit. Der exzentrische Künstler trägt ihn auch auf seinem Gehstock – und wohl als Tätowierung.

Vor Rahmen macht Markus Lüpertz nicht Halt, er sieht sie als Teil seines Kunstwerks und malt kurzerhand auch sie mit an. Lüpertz’ Werke kennen keine Grenzen. Einfach macht es diese Ausstellung dem Betrachter nicht, die Wucht seiner Werke muss man erst mal verkraften. Und Werner sieht gar nicht ein, warum er dem Publikum unter die Arme greifen sollte. Werkbeschreibungen gibt es keine. „Das Publikum wird in Museen viel zu sehr verwöhnt“, meint Michael Werner. Nein, in der Villa Schöningen muss sich der Betrachter auf sein Auge verlassen. Hier ist Kunst harte Arbeit.

Gekränkt ist Michael Werner von Lüpertz’ „Brutal“-Urteil über die Hängung seiner Bilder in der Villa Schöningen übrigens nicht gewesen. „Wir kennen uns sehr lange“, sagt Werner, „ich denke, er will damit sagen: ‚Das hast du gut gemacht.‘“

Villa Schöningen, Berliner Str. 86, Potsdam. Do–So 10–18 Uhr. Bis 26. Juli.