Interview

„Ich bin ein Kunstwerk“

2003 begann das Leben der Kunstfigur Friedrich Liechtenstein. Ein Werbespot machte ihn berühmt. Eine Selbstbespiegelung

Friedrich Liechtenstein, das virale Wunder. 2013 war er Mister Supergeil. Ein tiefer Künstler der Oberfläche zwischen Camp, Kitsch und Dandytum. Ein Café in Berlin-Mitte. Wasser mit Kohlensäure, Espresso und drei Stunden Zeit, ein Leben im Zeitraffer vorbeiziehen zu lassen. Liechtensteins Biografie „Super. Mein Leben“ (Piper, 288 Seiten, 19,99 Euro) ist dieser Tage erschienen. Und am Donnerstag startet auch der Schweighöfer-Film „Der Nanny“, in dem er eine Gastrolle spielt.

Berliner Morgenpost:

Ist das inzwischen anstrengend, Friedrich Liechtenstein zu sein?

Friedrich Liechtenstein:

Nein, das ist eigentlich ganz gut. Aber es zehrt auch. Früher bin ich auch feiern gegangen, jetzt ist es Business. Ich zeige kurz Flagge. Die Leute bekommen einen Eindruck. Aber eigentlich bin ich Beobachter. Ich stehe immer ein bisschen neben mir. Ich habe ja auch eine Sonnenbrille, mein schönstes Versteck.

Ursprünglich waren Sie Koch bei der Armee. Dann studierten Sie Puppenspiel. Jetzt sind Sie Künstler und Kunstwerk zugleich. Alles richtig so?

Das ist ja das Komplizierte daran. Leute, die den ganzen Tag arbeiten und sich nicht mit Kunst beschäftigen können, sagen Lebenskünstler – und meinen eigentlich jemanden, der Garagen vermietet und schlau hartzt. Aber ich meine, ich selbst bin ein Kunstwerk.

Sie verkörpern einen alten Künstlertypus. Viel reisen, viel Müßiggang. So wie Adelige früher, die hatten immer Zeit und Geld.

Nach dem Mauerfall habe ich gemerkt, dass man eigentlich nur mit Reichen oder Adeligen entspannt reden kann. Denen ging es so ähnlich wie mir. Die hatten null Existenzangst. Alle anderen sind entweder gierig oder ängstlich.

Meine Generation ist voller Existenzängste. Sie will nicht in den Tag leben, sie will jetzt Firmen mit Business-Plan gründen.

Ganz ehrlich, mir fehlt ein Plan. Aber ich habe ein gesundes Selbstvertrauen, so einen „Swag“. Das liegt wahrscheinlich an meinen Eltern, die mir ein Urvertrauen gegeben haben.

Was haben Sie als Koch gelernt?

Ich habe gelernt, Kühe auseinanderzunehmen. Einmal habe ich 100 Karpfen im Akkord geschlachtet. Ich habe auch Hasen das Fell abgezogen. Schweine zerteilt. Eis gemacht und Torten.

Der Bauch stammt vom Kochen?

Nein, früher war ich sehr dünn. Das Dickwerden kommt erst durch Frustration und Kummer. Leute, denen es richtig gut geht, sind dünn. Aber ich staune, dass mein Bauch so akzeptiert wird. Vor allen Dingen mögen junge Frauen ihn sehr. Aber ich wäre gern dünner. Das Leben ist dann leichter.

Sie schreiben am Anfang Ihrer Biografie, dass Sie sich gar nicht für die Vergangenheit interessieren.

Es bringt doch nichts. Wenn ich mich mit Leuten treffe, und man zeigt sich so gegenseitig sein Haus, sein Pferd und sein Sowieso, das will am Ende doch keiner wissen. Das Interessante an Friedrich Liechtenstein ist, dass es ihn erst seit 2003 gibt. Ich habe mir extra die Mühe gemacht, mir diesen Typen auszudenken, sein Leben zu gestalten. Das ist eigentlich meine Hauptarbeit. Jetzt bin ich auf jeden Fall Friedrich. Und die, die mich noch Holger nennen, sind böse Menschen, die mir die Freude am Fliegen nehmen.

Ihre Kindheit in Eisenhüttenstadt wurde von zwei Welten geprägt. Einerseits Kultur: Ihre Eltern waren Mitglieder im „Klub der Intelligenz“, sie fuhren mit Ihnen auf die absurdesten Konzerte und Kunstveranstaltungen. Andererseits eine fast niedliche Libertinage: Ihr Vater soll immer Herrenwitze erzählt haben, „Nille, Pupe, Eiersack, heute ist ein Feiertag“, und Ihre Mutter war sehr viel nackt. Hört sich doch eigentlich ganz gut an.

Ich fand meine Kindheit paradiesisch. Ich war stolz auf meine Eltern. Wir hatten das zweite Auto in der Straße. Mein Vater hat viel gebastelt, wir sind viel in Urlaub gefahren. Winterurlaub. Osterferien. Sommerferien. Wir hatten ein Häuschen am See. Aber Eisenhüttenstadt war eine Planstadt. Es war die reine, rosarote, pudrige Truman-Show. Mit 13 habe ich Eisenhüttenstadt gehasst. Der größte Vorwurf, den ich bis heute an den Osten machen muss, ist, dass die es nicht hingekriegt haben. Die haben zu früh aufgehört mit allem. Selbst mit der Gesellschaft. Es hat nicht funktioniert. Die Wände waren grau, das Essen war schlecht. Aber auch in Westdeutschland war das Essen nach dem Krieg eine Katastrophe. Aber trotzdem war der Westen eine unglaubliche Vervielfachung der Möglichkeiten, der Kunst, des Geldes, von Know-how und Autos.

Führt das nicht zu einer kollektiven Depression, das Eingesperrtsein, das ständige Rummotzen, die schlechte Laune?

Für mich war der Osten wie ein schlecht gepflegter Zoo. Die Tiere hatten kein glänzendes Fell, sie sahen scheiße aus. Draußen in der Wildbahn sehen die Tiere sowieso immer schöner aus.

Lassen Sie uns wieder über die Kunst sprechen. Ihre Eltern waren ja schon sehr kulturbegeistert. Hat sich das übertragen? Wie haben Sie Ihre eigenen drei Kinder erzogen?

Meine zweite Frau war eine erfolgreiche Kostümbildnerin, und wir haben unseren Kindern beigebracht, die Welt ästhetisierend wahrzunehmen. Die Lebensumstände waren anstrengend, aber dadurch hatten wir eine Gemeinschaft. Wir wussten, wir haben fünf Euro am Tag, und davon haben wir dann zusammen eingekauft und gekocht.

Sie haben sich mehr schlecht als recht durchgeschlagen. Sie sind im Hintergrund aufgetreten. Das reichte nicht zum Leben.

Auf keinen Fall. Aber es waren stabile Konstrukte weit unter dem Existenzminimum. Ich konnte so existieren und war auch nie sauer. Es war zwar mal Freitag, und ich hatte keinen Cent mehr, aber es ging immer weiter.

Mussten Sie hungern?

Ein bisschen, aber das war nicht schlimm. Man kann doch auch 21 Tage lang fasten. Oder man liegt mal länger im Bett, man verbraucht so kaum Kalorien. Eigentlich braucht man keinen einzigen Cent. Aber die anderen brauchen immer das Geld. Der Kellner. Der Vermieter. Nur ich nicht. Hartz IV habe ich nie bezogen. Und ich habe einige Leute kennengelernt, die davon sehr elegant leben können. Es ist natürlich auch viel Arbeit.