Literatur

Fertig ist die Suppe

Schriftsteller von heute offenbaren ihre kindlichen Frühwerke – und kommentieren sie mit dem Blick des Erwachsenen

„Wenn ich groß bin, werd ich Dichter“ – der Titel des Buches passt wunderbar zu einer Generation Schriftsteller, die sich schwer damit tut, den Weg aus den heimischen Kinder- oder Jugendzimmern zu finden. Die im Buch versammelten deutschsprachigen Autoren sind in den späten 60ern, 70ern und 80ern geboren. Ihre Bücher sind gespickt mit Kindheit und Jugend. Lucy Fricke etwa hat ein ganzes Buch über das drohende Ende einer Jugendzeit geschrieben („Durst ist schlimmer als Heimweh“), David Wagner hat gerade mit Jochen Schmidt seine Kindheit aufgearbeitet („Drüben und Drüben“), und die altkluge Helene Hegemann scheint sowieso auf die Rolle des literarischen Dauer-Teenie-Rebells geeicht. Das sind nur drei der 33 Schriftsteller, die in dem Buch versammelt sind. Und sie alle haben tief in Kisten und Schubladen gegriffen, um ihr kindliches oder jugendliches Frühwerk zu bergen.

„Theaterstücke, Märchen, Schulaufsätze, Geburtstagslyrik, Liebes- und Hassgedichte, Anleitungen für den Ausstieg aus der Gesellschaft, Kochrezepte, überraschend oft bereits Romane oder zumindest Romananfänge“, schreibt Florian Werner in der Einführung, seien zu Tage befördert worden. Geschrieben mit acht Jahren, mit zwölf, mit 16. Hauptsache, noch nicht richtig erwachsen. Die Frage dahinter: Hat der Autor schon als Heranwachsender über eine eigene Handschrift verfügt, oder schreibt hier ein Kind wie jedes andere?

Krakelkram für die Nachwelt

Traditionell vernichten große Schriftsteller ja eher ihr Frühwerk. Wer will schon Krakelkram im Literaturarchiv Marbach liegen haben? Kaum vorstellbar, dass Goethe mit kindlicher Poesie hausieren gegangen wäre. Frühe Gedichte wie „Wandrers Sturmlied“, geschrieben mit wahrlich unkindlichen 23 Jahren, nahm er erst 40 später in seiner Werksausgabe auf. Die heutige Generation der Literaten ist da entspannter. Sie ist es gewohnt, schon für die frühste Kreativität gelobt und gefeiert zu werden, wie bei David Wagner, dem die Mutter ein „Kleinkindtagebuch“ in die Hand drückt. Ein erster Eintrag: ein selbstgemalter Baum, dicker Stamm, drei Äste staken empor, daneben in ungelenken Buchstaben: „DAVID“. Also immer hinein ins bunte Bällebad der Erinnerung.

„Ich inszenierte mit meinen Klassenkameraden Theaterstücke über die Liebesgeschichte zweier Fische namens Kabel und Jau“, schreibt Helene Hegemann im Rückblick über ihre Kindheit – und hat für das Buch eine süß geschriebene Anleitung für das Kochen einer Gemüsesuppe ausgegraben. Ihre kindliche Handschrift ist reizend, das geschnörkelte „E“ von Erbsen, Rechtschreibfehler wie „Mann nimmt die Gemüsebrühe“, der dramatische Schlusssatz: „fertig ist die Suppe“. Daneben der kurze Text der Hegemann von heute, die auf die kleine Helene zurückschaut, wie sie in der Grundschule mit selbst gebasteltem Gips auftaucht, nur um sich interessanter zu machen. Das ist das Prinzip des Buches: ein Original von früher begleitet von einem kommentierenden Text des heutigen Autors. Helene Hegemanns Suppen-Allerlei liest sich unterhaltsam. Begreift man danach mehr über sie? Nein, außer einer Ahnung, dass Helenchen vermutlich ein anstrengendes Kind war.

Andere Autoren wie Jan Peter Bremer, Autor des Romans „Der amerikanische Investor“, nehmen sich und ihr Frühwerk ernster. Er wächst in einer Künstlerkolonie in Lüchow-Dannenberg auf, damals, als der eiserne Zaun noch stand und Lüchow-Dannenberg tatsächlich das Ende der Welt bedeutete. Der Vater malt, die elterlichen Freunde schreiben, man besucht sich gegenseitig auf den Höfen, fast wie im 19. Jahrhundert.

Und klar, der kleine Jan Peter will Literat werden, was sonst. „Dieses besondere Fachwissen, gepaart mit einer gewissen Einsamkeit, beziehungsweise einem Übermaß an Zeit, hat mich sehr früh zum Schreiben geführt“, berichtet er heute im Rückblick. Sein Stück „Die Jagd“ dreht sich um einen fetten Fürsten, er verfasst es mit 15 oder 16. Es entstehen auch später weitere Fürstengeschichten. „Dann verschwand die Figur plötzlich so spurlos, wie sie aufgetaucht war.“ Bis, über ein Jahrzehnt später, sein erster Roman erscheint. Der Titel: „Der Fürst spricht“. Aha, eine Erkenntnis!

Tilman Rammstedt muss im Rückblick feststellen, dass er wohl schon als Zehnjähriger mit den Verben zu kämpfen hatte: „Ein Mann im weißen Anzug, Sonnenbrille und dichten Augenbrauen“ beginnt er sein erstes Kapitel „Schnellzug nach Dinard“ und bricht dann ab. Was macht der Mann? Läuft er, eilt er, flieht er? „Wo ein Subjekt ist, muss früher oder später ein Prädikat her, sonst darf man keinen Punkt setzen.“ Lucy Fricke schreibt mit 17, wie sie offen einräumt, „altklug“ – der Weltschmerz ist groß, so muss es sein. Und Annett Gröschner hat der Stasi die Dokumentation ihres Frühwerkes zu verdanken, offenbar schrieb ein Lehrer von ihr fleißig alle selbst verfassten Gedichte von der Wandzeitung ab und gab sie IM-mäßig weiter. So können die ersten wackligen literarischen Schritte natürlich nicht verschwinden.

Nur ganz wenige Autoren setzen sich in dem Band überhaupt damit auseinander, ob man die eigenen Anfänge veröffentlichen sollte. Einer von ihnen ist der Österreicher Clemens J. Setz, der kleine Gedichte preisgibt. „Jesus in der Wüste“ heißt eins. Spielereien nennt er diese Versuche, keine Literatur. Wie lautet sein Urteil im Rückblick? „Es ,schlummert’ tatsächlich nichts in diesen Gedichten, kein Talent, keine Ambition. Fast fühlt es sich falsch an, sie nun, so viele Jahre später, herzuzeigen. Nicht weil sie mir peinlich sind, sondern weil man Zeitreisende eigentlich nicht im Museum ausstellen sollte.“

Süße Fotos der Autoren als Kind füllen das Buch, Bilder mit Puppe und großen Kinderaugen, mit Strubbelhaaren oder langen Zöpfen. Setz ist in der Reihe mit vielen anderen. Und trotzdem ist sein heutiger Ton anders. Nicht so verliebt in die Kindheit. Wohltuend erwachsen.

Buch Florian Werner (Hg.): Wenn ich groß bin, werd ich Dichter. Frühe Texte bekannter Autoren. Arche Verlag, 255 Seiten, 16,99 Euro

Präsentation Volksbühne, Roter Salon, 26. März, 20 Uhr. Es lesen Marion Brasch, Lucy Fricke, Christoph Peters, David Wagner und Benedict Wells