Ausstellung

Das verschwundene Museum

Restaurieren oder lieber doch nicht? Eine Ausstellung im Bode-Museum dokumentiert jetzt die Kriegsverluste

Irgendwann vergangenes Jahr besuchte Julien Chapuis mit einem Kollegen die Gipsformerei in Charlottenburg. In riesigen Regalen eingestellt, sieht er Abgüsse der im Zweiten Krieg verschollenen und zerstörten Skulpturen. Die kannte er bis dato nur von Fotos, meist im Kleinformat. „Ich musste“, sagt er, „bald weinen über den Verlust.“ Der Eindruck war prägend, die Präsenz der Abgüsse stark, hinzukam, dass sich der 70. Jahrestag des Kriegsendes näherte: So entstand in nur zehn Monaten die Ausstellung „Das verschwundene Museum“, im ersten Stock des Bode-Museums zu sehen. Diese Zeit reichte allerdings nicht aus, um einen Katalog zu produzieren. Dafür ist ein Symposium im September geplant, Chapuis, Direktor der Skulpturensammlung, hofft auf neue Erkenntnisse auch von internationalen Kollegen.

Schutz in den Flaktürmen

Gleich am Eingang thront „Pietro del Monte“, der Großmeister des Malteserordens ist arg zerschunden. Nase komplett weg, Stirn kaputt, Bart zerstört. In diesem Zustand verließ del Monte 1945 den Berliner Flakbunker – erstmals seit der Rückgabe aus der Sowjetunion 1958 ist die Büste nun hier zu sehen.

Die Flaktürme im Friedrichshain und am Zoo dienten seit Herbst 1941 nicht nur der Abwehr von Bombenangriffen auf die Reichshauptstadt, sondern auch als Sicherheitsdepots für die wertvollsten Schätze der Staatlichen Museen zu Berlin. Am 2. Mai übernahmen die sowjetischen Truppen den Flakturm am Zoo, hier befand sich der Fries des Pergamonaltars. Zwei fürchterliche Brände zerstörten im Flakturm Friedrichshain große Teile der Kunst – die Ursache der Brände wurde nie richtig aufgeklärt.

Es ist erstaunlich zu sehen, mit welcher Sorgfalt die Auslagerung durch die zuständigen Museumsleute vorgenommen wurde. Dokumente, darunter ein farblich gegliederter Grundriss von 1944, zeigen, an welcher Stelle welche Werke gesichert wurden, fein geordnet nach „Ägyptischen Sandsteinen“ und „Skulpturen aus Bronze“. „Geheim“, steht auf dem Papier.

430 Gemälde verlor die Gemäldegalerie, die Skulpturensammlung ein Drittel ihres Bestandes, rund 1500 Arbeiten. Jene Werke, die von den Alliierten zurückkamen, wiesen häufig große Schäden auf. In den Jahren 1955 bis 1958 gingen 1,5 Millionen Objekte zurück – 2,5 Millionen Exponate hatte die Rote Arme verlagert. Noch immer lagern also schätzungsweise etwa eine Million Kunstwerke aus deutschen Museen in der ehemaligen Sowjetunion. Überhaupt war es erst nach der Wiedervereinigung möglich, eine vollständige Bestandsaufnahme vorzunehmen, da die Sammlungen der Museen ja getrennt waren.

Wer Interesse hat, kann in den sogenannten Verlustkatalogen der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung nachschauen, dort sind die Werke genau gelistet. Ein großer Teil der Bestände kehrte in den 50er-Jahren zurück in das geteilte Berlin. In den Nachkriegswirren kam es zu zusätzlichen Verlusten durch Privatpersonen.

Caravaggio verbrannte

Für die verbrannten Gemälde hat man einen Erinnerungsraum gestaltet. An den Wänden hängen vergrößerte Kopien der Bilder in schwarz-weiß, ein eindrucksvolles Memento mori für Caravaggios „Heiligen Matthäus“ oder den „Christus am Ölberg“, der 1815 erworben, erst 1923 dem Künstler zugeschrieben und 22 Jahre später zerstört wurde. Oder Botticellis „Maria mit Kind“, ein prachtvolles Tondo aus Pappelholz, für das Wilhelm Bode 1910 eigens einen Rahmen im Renaissancestil anfertigen ließ. Überlebt hat nur der Rahmen, der im Keller eingelagert wurde, die Leinwand war herausgetrennt worden.

Spannend ist der Raum, der das Thema der Restaurierung kriegsbeschädigter Werke beleuchtet. Die Forschung mit Restauratoren, Historikern und Archivaren ist in diesem Punkt kontrovers geblieben. „Das Thema ist sehr emotional aufgeladen“, meint Chapuis. Die Frage bleibt, wie geht man mit zerstörten Kunstwerken überhaupt um? Was ist authentisch? Gestutzte Flügel und ein sichtbares Einschussloch am Kopf des „Amors“ aus dem Zweiten Weltkrieg oder die 400 Jahre alte Komposition? Erste Versuche zeigen, wie man in der Sowjetunion bereits in den 50er-Jahren eher hilflos versuchte, Werke schlicht zusammenzukleben. Da sieht ein Fries „Madonna mit Kind“ von Rossellino dann etwa so aus, als ob man eine Birnen- mit einer Apfelhälfte zusammenbringt. Das „Bildnis eines Florentiners“, um 1495, wird hier erstmals gezeigt: Durch die Hitzeeinwirkung im brennenden Flakbunker ist die originale Farbe zu einem hässlichen braunen Pelz aufgedunsen.

„In den 60er- und 70er-Jahren war man der Meinung“, sagt Chapuis, „dass diese Kriegswunden niemand sehen wollte.“ Er selbst vergleicht beschädigte Kunstwerke mit einem „schönen Mädchen“, das im Gesicht verletzt wurde und blutet. Übertragen auf ein etwa verkohlte Kunstwerken entspricht das einer reduzierten ästhetischen Qualität, demnach verlorener Schönheit.

Also plädiert er für Restaurierung. „Wenn die nächste Generation aber der Meinung ist, dass der fragmentarische Zustand der bessere ist, kann man die Restaurierung rückgängig machen.“

Bode-Museum, Am Kupfergraben, Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. Führungen: Sa 15-16 Uhr.