Konzert

Die Schäden am Schönen

Verlässlich melancholisch: Sven Regener, seine Berliner Band Element of Crime und ihr wunderbares Konzert im Tempodrom

Es ist eigentlich kein guter Abend für dieses Konzert. Der Frühling ist da, alles steht auf Anfang: Im Netz machen Fotos von Krokussen die Runde, der Himmel ist noch fast bis Mitternacht unverschämt dunkelblau, und selbst die Obdachlosen am Alex haben ihre Isomatten mitten auf den Platz gelegt und schlafen in eine vielleicht frostfreie Nacht hinein. Warum also das Konzert einer Band besuchen, die in all ihren Liedern den Abschied besingt? Den Abschied von der Liebe, von der Hoffnung, von allem, was Sinn stiftet im Leben und doch auf Zeit gestellt ist und dem Verfall preisgegeben? Von Element of Crime also, den Experten für Herbstballaden?

Kein perfekter Anfang

Vielleicht deshalb, weil das alles ja gar nicht so einfach ist, gerade hier in Berlin. Sänger Sven Regener erzählt es schon nach ein paar Liedern im Tempodrom mit leicht vernöltem Bremer Akzent: Wie schwierig es für ihn gewesen sei, überhaupt zum Tempodrom zu kommen. Weil in Berlin derzeit ja die Nord-Süd-Trasse der S-Bahn gesperrt ist. Dass aber ausgerechnet heute wegen eines Zwischenfalls die Stadtbahn auch noch dichtgemacht wurde. Je mehr man ihm zuhört, desto klarer wird es: Es ist gar kein Anfang an diesem lauen Abend in der Hauptstadt. Jedenfalls kein perfekter, weil ja nie etwas perfekt ist im Leben. Von den Schäden am Schönen handeln die Lieder dieser Band.

Im ausverkauften Tempodrom herrscht die intime Atmosphäre eines Klubkonzerts. Hier ist nichts auf große Effekte aus, es wird keine Pyrotechnik geben und keine Großbildleinwand mit Nahaufnahmen. Nur eine Trompete, einen Bass, ein Schlagzeug, ein Saxophon und eben die Stimme Sven Regeners, die im Lauf der Jahre noch kratziger geworden ist. Ein paar Scheinwerferlichtkegel durchschneiden die trockeneisverrauchte Luft. Viele Paare im Publikum halten sich schon vorher aneinander fest, als müssten sie noch schnell ein paar Wurzeln schlagen gegen die Melancholie, sicherheitshalber.

Und die kommt dann auch gleich angeweht in den kräftigen Böen, die man von dieser Band kennt. „Lieblingsfarben und Tiere“ heißt ihr aktuelles Album, es ist ihr neuntes. Aber das Konzert beginnt mit „Damals hinterm Mond“ von der fünften Studioplatte, aufgenommen 1991. Bei keiner anderen Gruppe fällt das so wenig auf wie bei dieser und bei keiner ist das so okay, denn Element of Crime haben es ja nie darauf angelegt, ständig das Gefieder zu wechseln und immer wieder so aufregend neu zu erscheinen, wie es ein ungeschriebenes Gesetz der Branche nun mal will.

Sie spielen seit 1985 in fast unveränderter Formation zusammen. Ihre Anfänge gehen also auf jene umjubelte Postpunk-Ära zurück, die das West-Berlin der späten 70er- und 80er-Jahre zu einem der aufregendsten Musikstandorte der Welt machte. Aber seltsam: Während Heroen wie David Bowie oder Blixa Bargeld in die Jahre gekommen sind und schon ihre eigene Retrospektive verkörpern, geht das Quartett um Regener immer noch ganz in der eigenen Gegenwart auf – und das, obwohl hier soviel von Damals die Rede ist, auch auf dem aktuellen Album. „Lieblingsfarben und Tiere heißt es“, die meisten Lieder des Abends finden sich darauf wieder.

Die dritte Nummer, „Am Morgen danach“, widmet Regener Irene Moessinger, ohne die es das Tempodrom gar nicht geben würde. Er sagt, das hier sei der erste Auftritt im neuen Tempodrom, und die Zuschauer sind durch die Bank alt genug, um sich noch an den Vorgänger zu erinnern, der dann dem Neubau des Kanzleramtes weichen musste. Irene Moessinger trommelte um Spenden, und es entstand der Zeltbau am Anhalter Bahnhof mit seinem unverkennbaren Zackendach, das zwei Arenen und ein Thermalbad beherbergt und von den Granden des Postpunks damals verlacht worden wäre als uncooler Ort, wo auch schon mal Tina-Turner-Musicals laufen oder Peter Kraus die Rockabillys dieser Stadt bedient. Jetzt aber reißt Regener die Arme hoch, ruft „Irene Moessinger“ und stürzt entschlossen einen Schluck Beck’s hinunter.

Es sind die Texte, es ist die grandiose Lyrik Sven Regeners, die vor dem Überdruss bewahrt, der entsteht, wenn man seit bald 30 Jahren immer wieder dieselben Lieder hört. Immer dieselbe Mischung aus Humor und ratloser Trauer. „Immer wenn die Worte steckenbleiben“, heißt es, „Immer wenn im Auge Wasser steht/ Immer wenn wir durch die Dunkelheit uns treiben/ Und verwirren lassen, bis es nicht mehr geht/ Über dir, über mir dieselben Sterne“. Das klingt fast programmatisch. Und doch steht in diesen Songs neben dem Pathos des Romantischen auch immer das Banale, denn sonst wäre es weniger wahr. Dann kommen Baumärkte vor und Taxis, dann sind Klingeln kaputt und es gibt Ravioli aus der Dose.

Sätze zum Aufschreiben

Sonst würden solche Sätze ja auch nicht so gut funktionieren: „Ich hab lang auf dich gewartet, doch gelohnt hat es sich nicht.“ Oder: „Wo die Neurosen wuchern, will ich Landschaftsgärtner sein.“ Oder: „Nichts ist auch so kalt wie der heiße Scheiß von gestern, und Wiederholungen sind besser, als du denkst“. Es sind Sätze, die man sich gleich aufschreiben will, so schön sind sie. Aber man hat nichts zu schreiben dabei, und am Ende geht man hinaus und wundert sich, dass noch Frühling ist und nicht schon Herbst. Ob die Stadtbahn wohl wieder fährt?

Noch einmal heute, Tempodrom, 20 Uhr