Konzert-Kritik

Philippe Jaroussky kreuzt Konzertlied mit Chanson

Der französische Countertenor im halbvollen Kammermusiksaal

Zarte Zaubertöne, strahlender Schönklang, makellos bewahrte Jugendlichkeit: Schon seit Jahren genießt Countertenor Philippe Jaroussky Kultstatus. Als Wiederentdecker vergessener italienischer Barock-Perlen, als galaktisch schillernder, pfeilschneller Virtuose. Doch es gibt auch noch einen anderen Jaroussky – einen, der leidenschaftlich gern mit französischem Lied und sogar Chanson experimentiert. „Meinen geheimen Garten“, nennt der 37-jährige Franzose dieses Repertoire, mit dem er nun im Kammermusiksaal Station macht. Vertonungen des skandalträchtigen Lyrikers Paul Verlaine, eines Künstlers zwischen Genie und Wahnsinn, alkoholsüchtig, gewalttätig.

Umso erstaunlicher, wie kultiviert elegant und einfach Verlaines Worte dahinschweben, wie leicht sie sich in Musik kleiden lassen. Schier unüberschaubar ist die Zahl der Komponisten, die der Dichtkunst Verlaines bis heute erliegen. Jaroussky bietet einen ambitionierten Einblick in die Rezeptionsgeschichte, von Belle Epoque bis Chanson, darunter Mehrfachvertonungen der Gedichte „Clair de lune“, „Mandoline“ und „En sourdine“. Dass der Kammermusiksaal nur zur Hälfte gefüllt ist, scheint der Countertenor bewusst in Kauf zu nehmen. Es ist ein spezielles Programm für eine spezielle Zuhörerschaft. Selbst unter Jaroussky-Fans herrscht anfangs etwas Skepsis: Ein ganzer Abend mit französischem Liedgut – trägt das wirklich? Zumal Jarousskys superschlanke Klangklarheit, seine steilgewachsenen, außerirdisch glänzenden Spitzentöne eher im Widerspruch zur natürlich fließenden Legato-Lyrik der Belle Epoque stehen.

Doch erstaunlicherweise funktioniert es – nicht zuletzt dank seines langjährigen Begleiters Jérôme Ducros. Denn der Pianist bringt gerade das mit, was Jaroussky nicht hat: gefälliges Strömen, souveräne Samtigkeit. Sänger und Begleiter vereinen sich in symbiotischer Umarmung. Sie schaffen intime Momente voller Erotik. Von Zeit zu Zeit verlässt Jaroussky die Bühne, um neue Kräfte zu sammeln. Ducrois spielt dann allein weiter. Bekanntes Solorepertoire von Debussy in luxuriöser Hotelpianistenmanier, betont beiläufig und publikumsschmeichelnd dargeboten. Jarousskys Pianist ist an diesem Abend ununterbrochen beschäftigt. Er hält die Show am Laufen, lässt Lieder und Klavier-Solowerke unmittelbar ineinander übergehen. Erst am Ende des hochvirtuos wellenschlagenden „L’île joyeuse“ gönnt er sich einen kurzen Griff zum Schweißtuch.

Eines indes gelingt Jaroussky und Ducrois an diesem Abend nicht – eine überzeugende Brücke zum Chanson zu schlagen. Befremdlich klingen Léo Ferrés karussellartiges „Ecoutez la chanson bien douce“, Charles Trenets poppiges „Chanson d’automne“ und George Brassens’ gassenhauerisches „Colombine“. Nicht nur wegen der simplen Harmonien, die nicht recht zu den impressionistischen Zauberdüften der Belle Epoque passen wollen. Es liegt auch an Jarousskys engelshaft unschuldiger Stimme, die sich fern von jeder leidvollen Lebenserfahrung der Chansoniers bewegt. Und trotzdem: Die Publikumsbegeisterung steigt kontinuierlich. Drei kurzweilige Zugaben gibt es noch, darunter Emmanuel Chabriers operettiges „Air de Fisch-Ton-Kan“. Man hört Jaroussky verschmitzt pfeifen, kurz sogar in tieferer Tenorlage trällern. Adrett winkt er dem Publikum danach zum Abschied. Eine lange Schlange von Autogrammjägern erwartet ihn bereits im Pausenfoyer.