Klassik-Kritik

Diese Oper ist bitte nur vor Betrunkenen zu spielen

Die 20er-Jahre, die in Berlin angeblich so goldenen, werden in der Hommage „Mythos Berlin“ im Konzerthaus nicht schon deshalb authentischer, weil man die Garderobieren mit Federboa und die Sekt-Einschenker mit Schiebermütze ausstattet.

Das wirkt unglaublich läppisch. Es mag am Rahmen liegen: Das Konzerthaus ist nun mal in Ausstattung und Anlage eine Stätte, wo bürgerlicher Habitus restauriert wird. Die Berliner 20er-Jahre aber waren eine Epoche der Rebellion gegen dieses Bürgertum. Halbwelt, exotische Sub- und erotische Alternativkultur sowie kommunistische Weltentwürfe waren Versuche, jenseits dieser so homogenen wie verlogenen bürgerlichen Hochkultur-Welt des „Guten, Wahren, Schönen“ auf den Trümmern des Ersten Weltkriegs eine neue Welt zu errichten. Ist unsere Gesellschaft, die über Exportweltmeisterschaft und Bruttoinlandsprodukt kaum Gedanken an Generationen- und Bildungsgerechtigkeit verschwendet, von den sozialen Verwerfungen wirklich so weit entfernt, dass man deren Ambiguität nur noch in billigen Klischees darstellen kann?

Das Errichten einer neuen Welt klappt nicht in dem klischierten Rahmen, aber ein bisschen doch in den konkreten Konzert- und Musiktheaterereignissen der Reihe „Mythos Berlin“ – zum Beispiel in dem zum Großraumcafé umgebauten Werner-Otto-Saal. Die mutig ausgegrabene Mini-Oper „Triple-Sec. Die Sünde des Lord Silverside“ des amerikanischen Berlin-Liebhabers Marc Blitzstein aus dem Jahr 1928 lässt einen Blick auf den antibürgerlichen Avantgarde-Charakter der 20er-Jahre-Musik zu. Der Opernsketch hat keine sofort ersichtliche lineare Handlung, aber das scheint auch nicht das Wesentliche zu sein. Wichtig war Blitzstein offenbar, dass dieses Stück nur vor betrunkenem Publikum adäquat aufzuführen ist – was auch in der Partitur steht, aber durch eine Stunde Vor-Einlass des gesitteten Konzerthauspublikums kaum zu erreichen ist. Deshalb wird in der mit der Komischen Oper koproduzierten Inszenierung etwas nachgeholfen: Zu den durchaus anspruchsvollen Klängen, trotz disparater Klanglichkeit der Partitur sehr geschlossen vom kleinen Modern Art Ensemble unter dem Dirigat von Evan Christ dargeboten, darf Lord Silverside (Johannes Dunz) alle anderen Personen des Stücks im fortschreitenden Alkoholrausch doppelt bis fünffach sehen und küssen. George Gershwins ebenfalls kurze Kammeroper „Blue Monday“ von 1922 bringt danach mit Hilfe des gut geführten Sängerensembles etwas zahmere Harmonien in den Werner-Otto-Saal.