Pop-Kritik

Dandy Warhols: Das Leben nach dem Durchbruch

Immer noch großartig, auch 15 Jahre nach „Bohemian Like You“

Courtney Taylor-Taylor spielt „Somethings You Got To Get Over“. Es ist ein Lagerfeuerlied, so ein Stück zum sanften Mitnicken. Dafür wird man von nun an ausreichend Zeit bekommen. Denn als der Sänger der Dandy Warhols anfängt, kommt von rechts, dort wo der Synthesizer von Zia McCabe steht, ein vernehmliches Knacken. Courtney Taylor-Taylor hält sich an die eiserne Regel für jeden Seitensprung – leugnen, bis es nicht mehr geht – und spielt einfach weiter. Als sich das Knacken zu einem intergalaktischen Gewitter steigert, hat er doch ein Einsehen. Ein Techniker versucht den Schaden zu beheben, die Dandy Warhols setzen ein weiteres Mal an, das Knacken kommt wieder.

Es folgt die Zeit des Improvisierens. Courtney Taylor-Taylor wählt die sarkastische Variante. So eine Panne gehöre zu ihrem Comedy-Standardprogramm, erzählt er. Außerdem sei das Stück die neue Single, sie werde immer besser, je öfter sie sie spielen, sagt Taylor-Taylor. Zudem sei der Synthesizer 40 Jahre alt. „Das sind wir auch“, ruft einer aus dem Publikum. Courtney Taylor-Taylor überbrückt die Zeit des Reparierens und spielt die akustische Variante eines frühen Hits „Every Day Should Be A Holiday“. Ein Synthesizer-Wechsel sei eben nicht so einfach wie ein Gitarrenwechsel, bemerkt Zia McCabe lebensklug. Bevor es nervend wird, ist der Schaden behoben.

Es ist sehr früh sehr warm geworden im Postbahnhof, mit dem Rauchen hat das Publikum sehr zeitig begonnen, und vorne stehen vier Musiker, die mit großer Hingabe ihre Instrumente bearbeiten. Wahnsinnig aufregend ist das nicht, doch beobachtet man sie mit großer Dankbarkeit. Das soll jetzt kein rührseliges Plädoyer für Authentizität werden, aber so ein Konzert von verpeilten, drogenaffinen Westküsten-Typen hat doch mehr mit Pop zu tun als bestuhlte Konzerte in Mehrzweckhallen, in denen die Auftretenden Erfolg und Aufmerksamkeit in Twitter-Followern messen.

Mit „Bohemian Like You“ schafften Dandy Warhols den Durchbruch. So heißt es zumindest. Tatsächlich schaffte die Band es, sich auf diese Weise ein eigenes Rentenpaket zu schnüren. Ein Durchbruch war es allerdings nicht. Ihren folgenden Alben fehlte der Hit, so dass sie immer weniger wahrgenommen wurden.

Die Gruppe hat das Beste daraus gemacht und verfolgt ein Zweisäulen-Modell mit einigen Hits, wie auch „Not If You Were the Last Junkie On Earth“ und „We Used To Be Friends“. Die andere Säule besteht aus weniger eingängigen Stücken, die nach lang gedehnten, gitarrenlastigen Schleifen irgendwann zum Refrain zurückkehren. Courtney Taylor-Taylor erscheint verschwommener, je länger das Konzert dauert, die Riffs werden lang und länger, und der Sänger aus Portland, Oregon, mit seinen Indianer-Zöpfchen, sieht aus wie ein leicht nebliger Westküstentraum. Es gibt Wichtigeres als Aufmerksamkeit.