Konzert

Popgeschichte zum Anfassen

Zwei Legenden laden in die O2 World: Sting und Paul Simon ergänzen sich überraschend gut

Seit 25 Jahren wohnen sie im selben Apartmentblock in New York. Sie sind nicht nur Nachbarn, sondern auch eng befreundet. Doch erst vor gut zwei Jahren, nachdem sie bei einer Benefizveranstaltung einen gemeinsamen Auftritt hatten, kamen Paul Simon und Sting auf die Idee, doch mal zusammen auf Tournee zu gehen. Seit gut einem Jahr sind die Poplegenden nun mit Unterbrechungen unterwegs um die Welt, und nach ihrem mit 12.500 Besuchern ausverkauften Konzert am Montagabend in der O2 World ist klar: Das war einer der besten Einfälle, den die beiden je hatten.

Fast hätte man nach all den Mega-Shows an Orten wie der Friedrichshainer Mehrzweckhalle schon vergessen, dass es im Pop um die Musik geht, um Lieder und Gefühle. Es braucht gar keine gigantischen LED-Wände und standardisierte Choreografien, um ein Publikum zu bewegen. Es braucht nur gute Songs, die die Zeit überdauern. Und davon haben Paul Simon und Sting eine ganze Menge geschaffen. Was nicht heißt, dass die beiden Musiker nicht auch einen ziemlichen Aufwand betreiben. Sie haben aus ihren beiden Bands eine gemacht. Was zur Folge hat, dass ihnen bis zu 15 Musiker an mehr als doppelt so vielen Instrumenten den Rücken stärken. Keine leichte Aufgabe für den Soundmann. Die Lichtregie ist ungemein ausgefeilt. Und das Hitpotenzial ist enorm.

Gemeinsam eröffnen sie den Abend mit Stings von satten Bläsern angetriebenem „Brand New Day“, gefolgt von Paul Simons perkussiv pulsierendem „The Boy In The Bubble“. Sting, inzwischen wieder mit Haaren auf dem Kopf und einem Hipster-Vollbart im Gesicht, ist der rautönende Gegenpart zu Simons glasklarer Stimme. Sie sind von einer geradezu unbändigen Spiellust getrieben. Sie beschwören Erinnerungen mit ihren Liedern, die Generationen geprägt haben. Und sie haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Nichts ist dem Zufall überlassen

Beide begannen gleich mit ihren ersten Formationen eine steile Karriere. Der Amerikaner Paul Simon in den 60er-Jahren im Duo Simon & Garfunkel und Hits wie „The Sound of Silence“ oder „Mrs. Robinson“. Der Brite Sting in den 70-er-Jahren mit Police und Klassikern wie „Roxanne“ oder „Message In A Bottle“. Beide konnten später eine erfolgreiche Solokarriere starten. Beide zeichnet eine große Neugierde für Weltmusik aus, die sich nachhaltig in ihrer Musik niederschlug. Und beide landeten mit einem Musical einen veritablen Flop am New Yorker Broadway. Simon 1998 mit „Capeman“, Sting im vergangenen Jahr mit „The Last Ship“.

„Willkommen zu unserem kleinen Experiment“, sagt Paul Simon zur Begrüßung. Man habe zwei Bands zusammen geworfen und das Repertoire von zwei Songschreibern dazu. Das Experiment ist hörbar geglückt. Man meint, einer überbordenden Session beizuwohnen. Vieles wirkt unerhört spontan, obwohl beide Musiker nichts dem Zufall überlassen. Immer wieder singen sie gemeinsam, dann wieder bekommt jeder Raum für seine eigenen Stücke. Wie Sting mit dem Police-Kracher „So Lonely“ oder seinem von Reggae-Leichtigkeit durchzogenem Solo-Hit „An Englishman in New York“. Oder Paul Simon mit „50 Ways To Leave Your Lover“ mit diesem legendären Schlagzeugbeat. Oder dem von afrikanischer Ju-Ju-Gitarre getriebenen „Graceland“.

Bei Simon-&-Garfunkel-Klassikern wie „Mrs. Robinson“ oder „The Boxer“ übernimmt Sting die zweite Stimme, ohne Art Garfunkel, Simons einstigen Partner, ersetzen zu wollen. Die Liaison von Simon und Garfunkel endete bereits 1972, führte jedoch immer wieder zu Comebacks. Wie jenem Konzert 1981 vor 500.000 Menschen im New Yorker Central Park oder im Jahr darauf das legendäre Konzert in der Berliner Waldbühne. Inzwischen gehen beide getrennte Wege. Art Garfunkel ist derzeit solo in Europa unterwegs.

Sting und Paul Simon ergänzen sich prächtig. Diese Konzertserie ist ihnen eine Herzensangelegenheit. Die Schauspielerin Jeanne Moreau hat einmal gesagt: „Alternde Menschen sind wie Museen. Nicht auf die Fassade kommt es an, sondern auf die Schätze im Innern.“ Wie treffend. Schätze breiten diese agilen älteren Herren jede Menge aus. Museal wirkt dieser Abend allerdings keinen Moment.

Der 63-jährige Sting, dessen Bass angejahrter wirkt als er selbst, kann seine Vielseitigkeit bei Stücken wie „Walking On The Moon“ oder dem arabisch treibenden „Desert Rose“ beweisen. „Roxanne“ mixt er mit Bill Withers’ „Ain’t No Sunshine“, Simon & Garfunkels „America“ singt er allein zur Gitarre. Der 73-jährige Paul Simon wiederum überrascht mit einer jazzbetonten Version von „Still Crazy After All These Years“ und bringt einmal mehr Bewegung in die Halle mit dem New-Orleans-Zydeco-Kracher „Me And Julio Down By The Schoolyard“, samt Akkordeon und Waschbrett-Einsatz. Die Band, darunter Cracks wie Keyboarder David Sancious, Gitarrist Dominic Miller und Schlagzeuger Vinnie Colaiuto verleiht den Stücken durch imponierende Arrangements und reichlich solistische Einlagen neuen Glanz. Da gibt es Soli auf Tuba oder Englischhorn, afrikanische Trommeln kommen zum Einsatz, es gibt wilde Ausbrüche auf der Violine und jazzrockige Exkursionen auf dem Piano.

Der Applaus ist frenetisch

Die stilistische Vielfalt imponiert, auch wenn der Sound bei geballtem Instrumenteneinsatz auch mal etwas breiig wird. Der Abend in der O2 World ist das erste Konzert, bei dem Sting nach schwerer Grippeerkrankung wieder auf der Bühne steht. Die Konzerte in Krakau und Prag mussten auf Drängen seines Arztes abgesagt werden. Somit wurde Berlin zum Auftakt der Europa-Tournee, die noch durch 32 Städte führen wird. Im Zugabenblock singen Simon & Sting auch Simon & Garfunkels „Bridge Over Troubled Water“. Nur „The Sound of Silence“, der größte Hit des Duos, bleibt ungehört. Nahezu drei pausenlose Stunden spielen sich Paul Simon und Sting durch ihr musikalisches Vermächtnis. Popgeschichte zum Anfassen. Der Applaus ist frenetisch.