Abschluss

Das Vermächtnis

Mit der Ausstellung „Kunst für alle“ verabschiedet sich Klaus Staeck als Akademiepräsident

Ein kräftiger Paukenschlag zum Abschluss, so soll, so muss es sein. Klaus Staeck steht vor einer gigantischen Wand, von oben bis unten voll mit Plakaten. Plakate, auf denen er mit den Reichen, Mächtigen und Elitären der Republik abrechnete, Politiker auf die Palme brachte und sich etliche Prozesse einhandelte. Als studierter Rechtsanwalt konnte er sich immer selbst gut verteidigen.

Neun Jahre, drei Amtszeiten

Diese Ausstellung sei, sagt Staeck nun, „ein Statement für mein ganzes politisches und künstlerisches Leben, das ich mit der Demokratisierung der Kunst und des Kunstbetriebs verbrachte“. Jeder, sagt er, „soll Zugang zur Kunst haben“. „Kunst für alle“, so lautete in den 70er-Jahren auch das Credo von Joseph Beuys. Ein Zugang dafür waren Postkarten und die Vervielfältigung von Originalen, die Multiples. Beuys war der Hausgott Staecks. An vielen Wänden geistert er herum, als Pop-Gemälde von Andy Warhol, als Revolutionär, als Aktionist, in der Diskussion, mit Hut und ohne. Doch dieser Gott ist tot. Der Aufbruchsgeist der 60er- und 70er-Jahre, der spröde Anarchismus – hier sind sie längst Geschichte, die man Plakat nach Plakat abschreiten kann. Für Staeck ist es ein Blick zurück – und eine Art Vermächtnis.

Klaus Staeck geht, für den Akademiepräsidenten ist am 30. Mai Schluss – nach der dritten Amtsperiode und nach neun Jahren hinterm Schreibtisch am Pariser Platz. Den Blick auf das Brandenburger Tor und den Reichstag werde er vermissen, meint er. Diese prominente Aussicht ist mehr als ein Symbol. Vermutlich saß Klaus Staeck etliche Male an diesem Schreibtisch, dachte darüber nach, wie es einmal war. Als er wusste, dass der Bitterfelder Weg in der DDR nicht sein Ding war, er also umsiedelte nach Heidelberg kurz nach dem Abitur. Er den Abschluss als Flüchtling noch einmal machte, weil er nicht anerkannt wurde, später studierte er in Heidelberg Jura. Für einen Jungen, der 1938 in der Pfefferkuchen-Stadt Pulsnitz geboren wurde, war das ein langer Weg.

Mittlerweile ist er 77 Jahre, erstaunlich alterslos und der bekannteste Plakat- und Postkartenmacher der alten Republik. Auf der Frühjahrsversammlung der Akademie soll seine Nachfolge gewählt werden. Eine Frau wäre schön, meint Staeck. Er selbst geht zurück in die „freie Wildbahn“. Die Balance zu finden zwischen Präsidentenverpflichtungen und künstlerischer Arbeit, sei das Schwierigste gewesen. Das Schöne für die Akademie: Staecks Sammlung wird einmal zu großen Teilen an die Institution gehen. Zu seinem Universum gehören Plakate, Postkarten, Grafiken, Dokumente, Fotos und jede Menge zum Teil kuriose Multiples von Künstlern wie Christo, Beuys oder Blinky Palermo – zwei große Hallen füllen die Exponate am Hanseatenweg.

Die Einnahmen aus dem Verkauf von Künstlerarbeiten seiner Edition Staeck bildeten die finanzielle Basis für seinen „Demokratisierungs“-Job. Auch als Akademiepräsident – im Establishment angekommen – versucht er zu bleiben, was er war: das politisch-satirische Gewissen des Landes. „Nichts ist erledigt“, diesen Satz wiederholt er auch an diesem Morgen, bald so, als müsse er sich selbst noch einmal daran erinnern. Na ja, er fährt beispielsweise Zug, DB, Bahncard 50, 2. Klasse, Berlin, Heidelberg, wo er wohnt. Und ja, wenn er abends die Akademie verlasse, geht er rum und schaut, ob überall das Licht aus ist. Da muss er manchmal über sich selbst lachen, wie blöd das eigentlich ist. Aber nach all den Jahren kann er sich so eine „Sonntagspredigt“ wie heute schon einmal leisten, findet er. „Alterswahnsinn!“

Und die Feinde von einst? Die hätte er nie gehabt, nur Gegner. Franz Josef Strauß war so einer, den verstorbenen Politiker sieht man auf vielen Plakaten. Gegner sind gut für die Streitkultur, meint Staeck, Streitkultur bedeute Demokratie. Heute herrsche Einheitsbrei, Biedermeierzeit, sagt er. Seine Gegner heute heißen Google und Amazon. Wenn da etwa ein Päckchen im Haus ankommt, er nimmt es nicht an, den Verein, um Gottes Willen, den unterstützt er nicht. Bücher kauft man beim Buchhändler um die Ecke. Wenn er diese Geschichten erzählt, ist es ziemlich lustig. Manchmal war es auch so, dass er mit seinen Aktionen ziemlich auf Risiko fuhr, riesige Stadthallen anmietete, danach pleite war. Dann sprangen Künstler wie Beuys oder Polke mit Werken ein, die verkauft wurden und Geld in die Kasse spülten.

Kartoffeln kreisen munter

Gerade steht er vor so einer Arbeit, Polkes surreale Kartoffelmaschine, die einen langen Namen hat. „Ich brauche eine Kartoffel“, ruft Staeck, „eine rohe.“ An dem Holzgestell kreiseln eigentlich zwei Erdäpfel, einer fehlt. Gibt’s vielleicht eine Kartoffel im Akademie-Café? Eine Assistentin rennt davon. 30 dieser Apparate wurden 1970 produziert, 280 Markt pro Stück. Kürzlich wurde ein Exemplar für 65.000 Dollar versteigert. Zeiten ändern sich. Mit dem offenen Kunstmarkt ist das so eine Sache. Aber jetzt sind andere Themen virulent. Wie gehen wir verantwortungsvoll mit der neuen Technik um? Und was kommt nach dem Terroranschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“? Staeck hat eine Antwort: „Wenn wir aus Angst, gleich könnte einer mit der Kalaschnikow kommen, bestimmte Dinge nicht mehr machen, sind wir verloren.“

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten. Di-So 11-19 Uhr, Di 15-19 Uhr: Eintritt frei. Katalog: 18 Euro.