TV-Kritik

Geografie ist Schicksal: Ermitteln ohne Grenzen

ZDF-Krimi: Deutsche und Österreicher im Stresstest

„Die Toten vom Bodensee“ heißt eine Reihe, die im vergangenen Jahr im ZDF gestartet ist. Das Besondere an ihren Fällen ist das grenzüberschreitende Element: Es gibt an der deutsch-österreichischen Grenze eine Dienststelle, in der Beamte aus beiden Ländern gemeinsam ermitteln, um Fälle schnell aufklären zu können. Das es dort eine Reihe von Ressentiments gegeneinander gibt, ist nicht überraschend und gibt diesen Filmen zusätzlichen Zunder. Hauptkommissar Micha Oberländer (Matthias Koeberlin) wird von den Austria-Kollegen nur abschätzig als „Piefke“ tituliert, Oberländer seinerseits ist genervt von der Langsamkeit seines österreichischen Kollegen Komlatschek (Hary Prinz). Auch mit der Kollegin Hannah Zeiler (Nora von Waldstätten) ist Oberländer alles andere als in Herz und eine Seele.

Fall Nummer zwei mit dem Titel „Familiengeheimnisse“ beginnt in einem Forsthaus. Aus einem Fenster sind Schreie zu hören, doch niemand öffnet. Oberländer und Zeiler dringen mit gezogener Waffe in das Haus ein und findet ein heilloses Chaos vor. Alle Räume sind verwüstet, auf einem Schreibtisch liegen Bündel mit Geldnoten, eine Blutspur für zu einem abgehackten Arm, Blut tropft von einem Dackbalken. Die beiden Bodensee-Kommissare finden im Obergeschoss den Förster Garchinger. Er hat Schaum vor dem Mund und ist nicht ansprechbar. Die spätere Diagnose im Krankenhaus lautet Tollwut.

Auch der Mann ohne Arm wird in einer Wildfalle tot aufgefunden. Es ist Ferdi Fitzner, der Chef einer hiesigen Recycling-Firma. Über das Motiv des Dramas im Wald tappen die Polizisten im Dunklen. Oberste Priorität ist es, Garchingers Dobermann zu finden. Der schwarze Hund wird als Überträger des tödlichen Tollwut-Virus verdächtig. Immer wieder taucht das große Tier auf, „eine tickende Zeitbombe“, wie Oberländer bemerkt. Doch später erweist sich das Tier als unschuldig. Hintergrund für die Tat ist ein Müll-Skandal, der allerdings schon ein paar Jahre zurückliegt, ein „Familiengeheimnis“.

Reizvoll an „Die Toten vom Bodensee“ ist – unabhängig vom jeweilige Fall – die Konstellation der beiden Ermittler Oberländer und Zeiler. Beide sollen eigentlich zusammenarbeiten, doch ihre Methoden sind höchst unterschiedlich, und sympathisch sind sie sich auch nicht gerade. Von Waldstätten spielt die Hannah Zeiler als eine Polizistin mit fast immer unbewegtem Gesicht. Nur wenn sich ihre schmalen katzenhaften Augen noch weiter verengen, merkt man, wie es in ihr arbeitet. Oberländer ist dagegen ein Sympathieträger.

Die Drehbuchautoren wollen vielleicht mit ihrer Story vielleicht ein bisschen viel – das Thema ungarische Müllmafia wird leider nur ganz kurz angerissen. Die Deponie trägt übrigens den Namen Hidegkuti, eine Anspielung auf die Fußball-WM 1954: Nandor Hidegkuti war Mittelstürmer der ungarischen Elf, die Deutschland im Finale unterlag. Doch trotz des vollgepackten Plots besitzt „Familiengeheimnisse“ bis zum Ende viel Spannung und wartet mit ein paar Überraschungen auf. Zwar reicht dieser von Andreas Linke inszenierte Bodensee-Krimi nicht an die besten Episoden aus „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ heran, doch liefert er Fernsehunterhaltung auf gutem Niveau. Spannend bleibt auch, wie sich das Verhältnis von Zeiler und Oberländer in Zukunft entwickeln wird. Am Ende dieser Folge schauen sie gemeinsam in den Sonnenuntergang über dem Bodensee. Vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

ZDF: Die Toten vom Bodensee – Familiengeheimnisse, heute , 20.15 Uhr, ZDF