TV-Kritik

Im Bremer „Tatort“ kehrt eine verlorene Tochter zurück

Ein junges Mädchen verschwindet. Die Bremer Kommissare Lürsen und Stedefreund verdächtigen den Vater und treiben ihn in die Enge.

Er behauptet in der fraglichen Nacht betrunken gewesen und ohne Erinnerung zu sein. Dann erhängt er sich. Die Tochter, Fiona heißt sie, bleibt verschwunden. Zehn Jahre später steht sie plötzlich vor der Haustür ihrer Mutter, sie hat pink gefärbte Haare und trägt ein Lederhalsband mit Nieten.

Man könnte diesem „Tatort“ vielleicht den ersten Satz des Romans „Kindheitsmuster“ voranstellen, den Christa Wolf im Jahr 1976 veröffentlichte. Er lautet: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Das passt nicht nur aus dem banalen Grund, dass Fiona eben doch nicht gestorben ist. Kommissarin Lürsen, die den verdächtigen Vater seinerzeit besonders hart anfasste, muss sich die Frage stellen, welche Schuld sie trifft. Ob sie seinen Selbstmord vielleicht hätte verhindern können.

In diesem psychologischen Spannungsfeld entwickelt sich die Geschichte. Fiona behauptet, missbraucht worden zu sein, jahrelang, und zwar von einem holländischen Paar, das mit ihr im Campingwagen durch die Lande zog und das Kind jedem, der dafür zahlte, zum Missbrauch zur Verfügung stellte. Tatsächlich werden die beiden wenig später aufgefunden, zwei Leichen in einem Campingwagen, die erst wochenlang verwesten und dann mit Benzin übergossen und angezündet wurden. Aber je länger sich Stedefreund und Lürsen mit dem Fall beschäftigen, umso mehr Fragenzeichen tauchen auf rund um die Geschichte, die Fiona erzählt. Ist Fiona überhaupt Fiona? Die Zweifel verstummen selbst dann nicht, als ein DNA-Test ihre Identität belegt. Aber welches Interesse könnte ihre Mutter daran haben, ein fremdes Kind zum eigenen zu erklären?

Regisseur Florian Baxmeyer drückt den Bremer „Tatorten“ schon seit einiger Zeit seinen Stempel auf. Auch diesmal gelingt es ihm, eine spannende Geschichte abseits der üblichen Plot-Routinen zu erzählen. Die großartige schauspielerische Leistung der erst 20-jährigen Gro Swantje Kohlhof als Fiona, die mütterliche Präsenz von Gabriela Maria Schmeide und übrigens auch eine ziemlich gute Musikauswahl leisten ihren Beitrag dazu. Da kann man über ein paar Ungereimtheiten und logische Lücken schon mal hinwegsehen.

ARD, heute, 20.15 Uhr