Konzertkritik

Annette Dasch im Widerstreit mit den Musikern

Heftige Glamouroffensive im Konzerthaus: Garderobendamen mit buntem Federschmuck im Haar, goldene Lamettavorhänge auf dem Weg zur Herrentoilette.

Verführerisch geschminkte Platzanweiserinnen stehen dem staunenden Publikum zu Diensten. Das „Festival Mythos Berlin“ am Gendarmenmarkt scheint bereits in vollem Gange – eine Hommage an die turbulenten Zwanzigerjahre, eine Erinnerung an die Stadt Berlin als kulturellen Mittelpunkt Europas. Doch wer nun erwartet, dass an diesem Eröffnungsabend auch die Musik ordentlich mitglitzert und glamourt, wird rasch enttäuscht: Es warten nämlich Werke von Busoni, Schreker, Eisler, Berg und Tiessen. Werke progressiver Komponisten, die recht erbarmungslos hinter die Fassaden des Goldenen Jahrzehnts schauen. Komponisten, die nicht selten mit beißendem Spott und groteskem Humor aufwarten.

Da ist zunächst Ferruccio Busoni, dessen „Tanzwalzer“ wie eine Referenz an Walzerkönig Johann Strauß daherkommt, dann aber immer mehr zur Persiflage gerät, an Schärfe gewinnt, schließlich wie armes Theater plärrt. Streng und kernig dringt das Konzerthausorchester durch die Partitur. Markus Stenz knallt mit der Dirigentenpeitsche. In bester Dompteurmanier zwingt er die Musiker durch imaginäre Feuerreifen. Fast ein Wunder, dass das Konzerthausorchester unter seinen kantigen Stößen keine blauen Flecke davonträgt. In Franz Schrekers Gesängen „Vom ewigen Leben“ zeigt sich Stenz von ungefährlicherer Seite. Er steckt zurück zugunsten der Sopranistin Annette Dasch. Und die ist, offen gesagt, an diesem Abend kaum wiederzuerkennen: dunkelbraun gefärbte Lockenhaare, rußschwarze Vampiraugen, zentimeterdicke Make-up-Maske. Ihr Lippenstift in orangeroter Warnfarbe passt perfekt zum gleichfarbenen Kleid. Abstoßend und attraktiv zugleich wirkt die Berliner Sängerin in diesem Aufzug, wie eine Mischung aus Femme fatale, Übermutter und Operndiva. Annette Dasch schwingt sich reif und leidenschaftlich durch Schrekers Vertonungen. Akkurat artikuliert sie die pantheistischen Texte, die aus Walt Whitmans Feder stammen. So akkurat, dass für farbliche und dynamische Feinheiten wenig Raum bleibt. In Alban Bergs Bruchstücken aus der Oper „Wozzeck“ muss sie sich erneut gegen einen übermächtigen Orchesterapparat behaupten. Und diesmal kennen Dirigent und Orchester keine Gnade: Sie umzingeln Annette Dasch, ziehen dichte Mauern hoch. Wie ein Instrument unter vielen wirkt die Sopranistin zeitweilig.

Markus Stenz verstrahlt den ganzen Abend über beste Laune. Er ist es nicht nur gewohnt, gigantische Orchesterbesetzungen zu bändigen, es scheint sogar seine besondere Leidenschaft zu sein. Jahrelang hat er Erfahrungen mit Gustav Mahlers egomaner Sinfonik gesammelt. Dass er in seinem 20er-Jahre-Programm nun auffällig viele Mahler-Momente findet, erstaunt nicht wirklich.