Musik

Dunkelhaarige Klänge

Seit 2011 lebt die britische Sängerin Gemma Ray in Berlin – und macht herrlichen Pop-Noir

Berlin-Mitte, es ist das Direktorenhaus. Außen hässlich blassbraungrau, innen Kunst. Eine Frau in Marineblau mit Matrosenhalstuch öffnet die Tür. Gemma Ray? Die kennt sie nicht. Sie arbeitet hier in einer Galerie. Und ja, ja, im Keller da üben ein paar Bands. Aber die kennt sie nicht. Sie kann uns nicht reinlassen, sagt sie, die Tür geht wieder zu, und wir stehen weiter draußen in endlos Grau und Regen, Kopfhörer auf, hören „Milk for your motors“, so heißt ihr neues Album. Musik so dunkelhaarig wie ihre Sängerin.

Auf Londoner Zeit

Gemma Ray ist Britin. Sie macht herrlichen Pop-Noir. Auf ihren neuen Album vereint sie das Babelsberger Filmorchester mit Surf-Gitarren und klirrenden Percussions, und dazu singt sie rau: „You left me out in the pouring rain“. Ja, Gemma, genau das hast du getan. „Der Morgen ist ein besudeltes Kleid“ steht an einer Häuserwand, weiter weint der Himmel, „You don’t need to call me no more“, singt Gemma Ray, dann macht sie „da, da, da“, als würde sie uns auslachen. Ein violetter Laden verspricht „Zeitgeist“, hinter seinen Scheibe liegt alles, nur nicht der Zeitgeist. Aber dann kommt sie auf uns zu.

Im dunkelblauen Mantel, hebt die Hand, weiß lackierte Fingernägel, haucht mit Essex Akzent, sie sei „soorr–ey“, aber sie sei auf Tour durch Europa, gestern noch Kopenhagen, heute wieder Berlin, ihr Notebook, ihre Uhr, die sei noch auf Londoner Zeit. Und sie verwirrt, um eine Stunde neben der Zeit. Ihr Haar ist am Hinterkopf aufgetürmt, irgendwie Sechziger, wie ihre Musik, sie schließt uns das Direktorenhaus auf, führt an der großen Wendeltreppe vorbei in ein Kellertreppenhaus, die Fenster sind hier blau abgeklebt, Holzscheite stapeln sich an den Wänden, der Atem tanzt vor einem her, und am Ende, ganz oben, da liegt ihr Proberaum.

Seit 2011 wohnt Gemma Ray in Berlin. Hier hat Wim Wenders sie für sich entdeckt. Für seine Kurzdoku „Restoring Time“ holte er sie als Sängerin. Und auf seiner Berlinale Party in Clärchens Ballhaus, da sang sie auch. Die Sängerin reibt sich die Hände, bittet auf das kleine abgenutzte Ledersofa. Eine Gasheizung schiebt sie davor, sie knackt. Gemma Ray ist früh von der Schule gegangen. Sie sagt, sie mochte nie, wenn andere ihr etwas beibringen wollten. Ihre Mutter malte. Engel auf Friedhöfen. Gemma brachte sich Gitarre bei. Ein Jahr lang besuchte sie eine Kunstschule. Im Unterricht schlief sie ein. Sie sagt, sie wollte nicht bewertet werden für etwas, das ihr Spaß macht. Kurz ließ sie sich zur Reisekauffrau ausbilden. Aber Reisen? Auch das war so gar nicht ihres. Alles, was sie eigentlich mag und mochte, das war und ist ihre Musik.

Von der gegenüberliegenden Proberaumseite blicken uns zwei bösblaue Posteraugen an. Zwischen ihnen ein Stift. Es ist ein italienisches Werbeplakat für den Grinta Paper Mate, Ray sagt, ihr Lieblingsstift, sie und ihr Freund benutzen den immer. Sie sagt, sie schreibt ihre Songs damit.

2007 war Gemma Ray müde, so müde, dass sie nicht arbeiten konnte. Sie wohnte in London, war immer nur halb da, die Ärzte diagnostizieren das ME/CFS-Sydrom – chronische Müdigkeit. Das einzige was sie noch konnte, was sie wach sein ließ, sagt sie immer noch im Mantel, war Musik. Sie schreibt, sie komponiert. 2008 erscheint ihr erstes Album „The Leader“. Es führt die Müde nach Norwegen und Australien, auf Tour. Nur so könne sie reisen, sagt sie, mit einem Zweck und dem Fokus auf Musik. Ohne den wüsste sie nicht, was sie machen solle.

Wie die Beach Boys hat auch Gemma Ray viele Lieder, die vom Autofahren handeln. Sie heißen „The Wheel“ und „Buckle Up“. Aber wie vor allem „Waving at Mirrors“ sind es eher Unfalllieder: Eine Fahrerin schminkt sich ihr Gesicht im Rückspiegel, so lange, bis es die Fahrbahn ziert. Gemma Ray sagt, sie mag Lieder schreiben, sie mag das Dunkel, nicht privat, aber als Kunstform, denn da liege viel Schönheit. Aber meisten, so sagt sie, mag sie die Kombination von dunklen Texten und hellen Akkorden. Ihre rauchig-dunkle Stimme, neben hellem Glockenklingen etwa, wie in „Shake Baby Shake“. Sie sagt, sie mag die Stellen, wo sich etwas bricht.

„Milch für den Motor“ – nimmt man ihren Albumtitel ernst, dann ist der Motor hinüber. Gemma Ray lacht, rau, laut, sagt, sie hat häufiger den falschen Sprit getankt, Benzin statt Diesel, früher in London, in Berlin fährt sie doch meistens Fahrrad. Dann geht die Tür auf. Der Fotograf kommt herein. Er hatte keine Schwierigkeit mit der Tür. Es ist merkwürdig, Gemma zieht ihren Lidstrich nach, dunkel, schwarz und Sixties.