Auszeichnung

Der erste Lyriker

Jan Wagner gewinnt den Preis der Leipziger Buchmesse für seine „Regentonnenvariationen“

Er sage jetzt etwas, was sich nicht gehört für jemanden, der schreibt, druckst Jan Wagner in seiner Danksagung herum: „Ich bin sprachlos!“ Es ist kurz vor 17 Uhr, in der Glashalle wird zum elften Mal der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Aber diesmal ist etwas Besonderes in der Kategorie Belletristik geschehen: Der Berliner Autor Jan Wagner hat als erster Lyriker diesen Preis, der zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen in Deutschland zählt, gewonnen. Die Jury prämierte seinen Gedichtband „Regentonnenvariationen“. Als weitere Preisträger waren zuvor die Übersetzerin Mirjam Pressler und der Sachbuchautor Philipp Ther ans Pult geholt worden. Die Sieger nahmen die mit 45.000 Euro dotierte Auszeichnung am Donnerstag zu gleichen Teilen entgegen.

Dabei nimmt sich Jan Wagner als Person auffällig zurück und widmet den Preis gewissermaßen allen Lyrikern. Er verweist darauf, dass es seine 15 Jahren eine neue, lebendige, vielseitige Lyrikszene gibt. Er hoffe, dass durch den Preis wieder mehr Aufmerksamkeit „auf diesen Reichtum“ gerichtet wird. Das klingt wunderbar. Möglicherweise ist es auch ein Stück voraus genommener Selbstschutz. Die Lyrikszene in Deutschland ist überschaubar, jeder kennt jeden. Und natürlich gab es im Vorfeld der Preisverleihung Diskussionen darüber, ob er wirklich der Richtige wäre.

Kaninchen und Lyrik

„Die Lyrikszene ist klein, und da gibt es mitunter ein Verhalten, das an Kaninchenzüchtervereine erinnert“, sagte sein Berliner Lyrik-Kollege Björn Kuhligk, der zusammen mit Jan Wagner Anthologien zur Gegenwartslyrik herausgegeben hat, der „taz“. „Wenn das eine Kaninchen den Preis gewonnen hat, dann beschweren sich alle anderen.“ Aber warum soll es unter Lyrikern anders zugehen als bei Romanautoren, Autobauern und Kaninchen?

Bekanntlich hat Jan Wagner ein Herz für Tiere. Und für Pflanzen. In „Regentonnenvariationen“ (Hanser Verlag, 15,90 Euro) beschäftigt er sich mit der Natur in all ihren Ausprägungen. „Formal virtuos und zugleich unangestrengt nimmt er Weidekätzchen und Würgefeige, Morchel, Melde, Olm und Otter ins poetische Visier, zoomt heran und überblendet assoziativ, bis der Blick des Lesers sich weitet und sich das Gefühl einstellt, für einen Moment zum Wesen der Dinge vorgedrungen zu sein“, urteilte die Jury. Die Laudation wird von der Berliner Literaturkritikerin Meike Feßmann gehalten. „Jan Wagners Auszeichnung wirkt hoffentlich wie ein Paukenschlag“, sagte sie. Lyrik sei die am meisten unterschätzte Literaturform, sie verdiene mit ihren Möglichkeiten zu Ruhe und Konzentration viel mehr Beachtung. Jan Wagner gelinge es in seinen Gedichten, auch kleine und scheinbar nebensächliche Dinge mit Humor und Sprachwitz zu Minidramen zu verdichten. Während der Laudatio Jan Wagner angespannt in seiner Stuhlreihe. Irgendwann neigt er den Kopf zu Seite. Und wirkt plötzlich entspannt. In dieser Sekunde muss der Preis in seinem Bewusstsein angekommen sein.

Jan Wagner wurde 1971 in Hamburg geboren und lebt als Lyriker, Übersetzer und Herausgeber in Berlin. Er hat an der Humboldt-Universität studiert. Seit 15 Jahren wohnt er in Neukölln. Er selbst sieht sich nicht als Großstadtdichter, sondern als ein Beobachter des Kleinen im Alltag. Sein erster Gedichtband „Probebohrung im Himmel“ erschien 2001. Zuletzt wurde er in diesem Jahr mit dem Mörike-Preis ausgezeichnet, jetzt mit dem Leipziger Buchpreis. Die Lyrik bleibt eine kleine, feine und gehegte Nische im Literaturbetrieb. Auch der Dichter Jan Wagner ist ein Kind des deutschen Förderbetriebes. In seiner Biografie stehen bereits 28 Stipendien und Preise.

Er setzte sich in Leipzig gegen Teresa Präauer („Johnny und Jean“), Ursula Ackrill („Zeiden, im Januar“), Norbert Scheuer („Die Sprache der Vögel“) und Michael Wildenhain („Das Lächeln der Alligatoren“) durch. Über die Auswahl der Werke aus 405 möglichen Kandidaten sagte der Jury-Vorsitzende Hubert Winkels bei der Bekanntgabe der Nominierten, die Auswahl aus guten Büchern sei diesmal nicht so schwer wie in den Vorjahren gefallen. „Es gab eine Spitzengruppe von zehn, zwölf Büchern und Autoren, denen man den Preis unbedingt hätte geben können", so Winkels. „Aber es gab auch ein sehr breites Feld von Büchern, die dafür weniger infrage kommen. Die Differenz zwischen den sehr guten und den nicht so guten, die war größer als in den letzten Jahren.“

Der Preis ist eine Provokation

Die Nominierung des Lyrikers blieb auch eine Provokation, mit der der Preisverleihung einige Aufmerksamkeit sicher war. Und die Tatsache, dass es unter den Romanen der Short List keinen klaren Favoriten gab, spielte dem Lyrikband zu.

Jetzt muss sich der Buchhandel mit der Entscheidung auseinander setzen. Schafft es Jan Wagner in die großen Schaufenster? Gedichtbände sind schon lange nicht mehr massenkompatibel. Und es ist kaum vorstellbar, dass jetzt überall Bücherstapel aufgetürmt werden. Lyrikbände machen nicht einmal ein Prozent am Gesamtumsatz des Buchhandels aus. Ein Band mit ein- oder zweitausend Exemplaren ist bereits ein Erfolg. Jan Wagners „Regentonnenvariationen“ werden es jetzt wahrscheinlich in den unteren fünfstelligen Bereich schaffen. Das ist beachtlich. Aber ein Bestseller wird daraus kaum werden können. Lyriker werden von ihren Verlagen nie gedrängelt, das nächste Manuskript abzugeben, scherzte Jan Wagner vor der Preisverleihung. Vielleicht hat sich das seit Donnerstag für ihn geändert.