Abschied

Die Scheibenwelt hat ihren Schöpfer verloren

Terry Pratchett, legendärer britischer Fantasy-Autor, stirbt im Alter von 66 Jahren

Zum Tod hatte Terry Pratchett ein ausgesprochen produktives Verhältnis. Der Sensenmann gehört zu den beliebtesten Charakteren seiner 40 Romane umfassenden Scheibenwelt-Saga, selbst auf dem Wappen des 2009 zum Ritter geschlagenen Fantasy-Autoren ist das Motto „Noli Timere Messorem“ (Fürchte den Sensenmann nicht) zu lesen. Da wusste Sir Terry bereits, dass er an einer seltenen Form von Alzheimer erkrankt war, er nannte sie eine „embuggerance“, eine Widrigkeit. Er spendete eine Million an die Forschung, sprach sich für Sterbehilfe aus und kritisierte, dass nicht mehr Mittel für die Erforschung von Demenzerkrankung bereitgestellt werden. „Ich würde“, hat er einmal bekräftigt, „den Hintern eines toten Maulwurfs essen, wenn mir damit geholfen wäre.“

Das Augenzwinkern, hinter dem sich eine tiefe Moralität versteckte, es war so sehr sein Markenzeichen wie abstruse Wortspiele und der scheinbar nie versiegende Fluss der Ideen. Bis zu zwei Romane im Jahr verfasste er, die meisten spielten auf der Scheibenwelt, einem von ihm in den 80er-Jahren ersonnenen till-eulenspiegelesken Planeten. Sie ist ein wohlwollendes Zerrbild der Erde, die sich auf dem Rücken von vier Elefanten dreht, die wiederum auf dem Rücken der Weltenschildkröte Groß-A’Tuin stehen. Es gibt Hexen und Zauberer auf der Scheibenwelt, Gauner und Polizisten, untote Anwälte und skrupellose Geschäftsleute. Und Tod, ein über zwei Meter großes Skelett, das zwar als furchterregender Grimmer Schnitter auftritt, in Wirklichkeit aber ein großes Herz für die Menschen hat – im übertragenen Sinn natürlich.

Das große Herz hatte sein Autor mit seinen Protagonisten gemein: Wer einmal die Scheu vor dem vermeintlich belanglosem Genre der Fantasy – und der lustigen noch dazu, oh Graus – abgelegt hatte, den schlugen die Geschichten schnell in ihren Bann. Denn hinter den klamaukigen Dialogen und der Melange aus tausenderlei kulturellen Einflüssen von Shakespeare, Dickens, Tolkien und Stephen Hawking bis zu den Gebrüdern Grimm, den Marx Brothers und Monty Python verbergen sich immer die großen ethischen Fragen nach Menschlichkeit, nach Gerechtigkeit, nach dem Zusammenleben.

Seine Romane beschäftigten sich häufig mit der Vorstellung, was passieren würde, wenn Elemente unseres modernen Lebens in eine Fantasy-Welt gebracht würden. So ließ er das Kino, die Rolling Stones, die Post, eine Bank und in einem seiner letzten Romane sogar die Eisenbahn auf die Bewohner der Scheibenwelt los.

Zeit seines Lebens war Terry Pratchett vom Universum und seinen Bewohnern fasziniert, von dem, was sie einander antun können, und von dem, was sie füreinander tun können. Diese Neugier auf das Leben in all seinen Facetten weitergeben zu können, ist wohl der größte Verdienst des Mannes, dessen Bücher in 37 Sprachen übersetzt wurden und sich bis heute weltweit mehr als 85 Millionen Mal verkauft haben.

Terry Pratchett, dessen Markenzeichen ein schwarzer Filzhut und ein schwarzer Mantel waren, wurde am 28. April 1948 im englischen Beaconsfield geboren. Sein erstes Buch veröffentlichte er bereits im Alter von 13 Jahren. Nach der Schule begann er eine Ausbildung zum Journalisten. Später wurde er Pressesprecher des Central Elecricity Generating Board. 1987 war jedoch klar, dass er von seinen Büchern leben konnte. Terry Pratchett hat mehr als 70 Bücher veröffentlicht. 1998 wurde er zum Offizier des Ordens des Britischen Empire ernannt. Für seine Verdienste um die Literatur ernannte ihn die Queen zum Knight Bachelor.

Eines seiner vielen Zitate über das Ende des Lebens lautet: „Der Tod ist kein Endpunkt, nur ein Meilenstein. Allerdings einer, der aus großer Höhe auf einen herabfällt.“ Auf dem Twitter-Account von Terry Pratchett und Rob Wilkins, seinem besten Freund, erschienen kurz nach der Todesnachricht mehrere Tweets: „AM ENDE, SIR TERRY, MÜSSEN WIR GEMEINSAM GEHEN.“ Die Großbuchstaben beziehen sich auf die Rolle Tods in seinen Romanen, dessen Stimme so wiedergegeben wurde. Kurz darauf stand auf Twitter: „Terry nahm Tods Arm und folgte ihm durch die Türen und in die schwarze Wüste unter einer endlosen Nacht.“ Gleich darauf: „The End“.