Anthologie

Innenansichten von Autoren aus Israel und Deutschland

Wann ist das eigentlich passiert? Noch eben saß der junge Deutsche schuldgeplagt unter Orangenbäumen und erholte sich in der Hitze des beginnenden Abends bei etwas Humus und Granatapfelsaft von den Anstrengungen der Olivenernte. Aber dann war auf einmal Party, und der junge Deutsche war in Tel Aviv. Die zweite Intifada war vorbei, und der junge Deutsche realisierte, dass der DJ, der da hinten an seinem Pult schwitzte, auch ein junger Deutscher war, man hatte ihn aus Wuppertal eingeflogen. Der junge Deutsche realisierte des Weiteren, während er sich durch die Tel Aviver Kellerklubs trank, seinen neuen israelischen Freunden immer um ein Goldstar und einen Arak voraus, dass er eigentlich schon alles über Israel wusste.

Wenn man die Anthologie zur Hand nimmt, die der deutsche Schriftsteller Norbert Kron und der israelische Schriftsteller Amichai Shalev gemeinsam zum Jubiläumsjahr der diplomatischen Beziehungen herausgeben, fürchtet man zunächst, die plakativste Seite all dieser neuen deutsch-israelischen Lebenswelten präsentiert zu bekommen, schon wegen des kinderbuchtürkisen Hardcovereinbands, auf dem ein mutmaßlich deutsch-israelisches Paar auf Schienen tanzt, die zwar ins Konzentrationslager (grau im Bildhintergrund) führen, aber es gibt auch den Fernsehturm, eine Regenbogenflagge und viel blauen Himmel mit Schäfchenwolken. Die Lektüre des Bandes lohnt sich trotzdem.

Kron und Shalev haben deutsche und israelische Autoren gebeten, sich darüber Gedanken zu machen, was heute wie „erzählbar“ ist und was „vorher nicht erzählbar war“. Diese Frage wird in den Kurzgeschichten und essayistischen Fragmenten zwar nicht wirklich beantwortet, dafür finden sich lesenswerte Stücke wie das von Liat Elkayam, die man vor allem als Autorin von „Haaretz“ kennt und die in ihrer Liebeskurzgeschichte „Die Leugnung der gestundeten Zeit“ in nummerierten Absätzen von ihrer Liebe zum deutschen Freiwilligendienstleistenden Paul berichtet.

Es sind auch eher bemühte Texte darunter, wie etwa der des Herausgebers Norbert Kron, der in einem Science-Fiction-Fragment von einer Zukunft erzählt, in der sich Israel und Deutschland und die palästinensischen Gebiete in einer „One State Solution“ zusammengeschlossen haben. Darüber tröstet einen dann Eva Menasse mit ihrer einfach klassischen, autobiografischen Erzählung „Ich bestehe aus zwei entgegengesetzten Polen“ hinweg, in der es um die Schoah geht. Wir sollen ja auch nicht vergessen, wir sollen tanzen.

Norbert Kron und Amichai Shalev (Hg.): Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen. A. d. Hebräischen von Barbara Linner. S. Fischer, 316 Seiten, 18,99 Euro.