Bühne

Protokolle des armenischen Widerstands

Gorki Theater erinnert an den Völkermord vor 100 Jahren

Zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern präsentiert das Maxim Gorki Theater bis Ostern Filme, Konzerte, Diskussionen und das neue Stück von Hans-Werner Kroesinger, der auch hier wieder Dokumentartheater in seiner reinsten Form liefert. Das Textmaterial zu „Musa Dagh — Tage des Widerstands“ stammt aus Bundestagsdebatten, Augenzeugenberichten und dem fast 1000-seitigen Roman von Franz Werfel, welcher zu Beginn in fünf Minuten zusammengefasst wird.

Die Geschichte von mehr als 4000 Armeniern, die im Jahr 1915 vierzig Tage lang auf dem Berg Musa Dagh dem türkischen Militär Widerstand leisteten. Schauspieler Till Wonka klingt, als würde Wikipedia sprechen. Auf der Bühne das Archiv des Auswärtigen Amts. In einem Wahnsinnstempo wird aus den Akten vorgelesen, doch die Passagen erschüttern. So das Protokoll einer Fahrt, an deren Straßenrand die Leichen verstreut liegen.

Man kann den Schauspielern ansehen, wie schwer es ist, auf einer Bühne nur zu stehen und mit hängenden Armen aus Material zu zitieren. Marina Frenk erweist sich dabei als Meisterin des Schnellsprechens, sie ist die Vorspultaste des Abends. Inhaltlich sind die Texte allerdings beeindruckend montiert. Die Verstrickung des Deutschen Reiches, die Unterstützung der Jungtürken, die Wiederholung der Geschichte. Doch erst nach einer Stunde kommt mit den Romanszenen tatsächlich Bewegung ins Spiel. Die Bühne dreht sich, Musik setzt ein, aber es geht nicht los. Immer wieder teilen die Schauspieler mit, was sie besonders beeindruckt hat an dem Roman. Armin Wieser erzählt von den Bergen, seiner Kindheit und sagt, dass er den Wälzer gelesen hat, aber länger dafür brauchte, als die Leute im Ghetto damals. Das ist sehr schlechter Humor.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20221115 Termine: 20., 27.3.; 2., 6., 23.4.

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