Klassik-Kritik

Dmitri Kitajenko beschwört die Melodienseligkeit

Wer diesen Abend des Konzerthausorchesters am Gendarmenmarkt erlebt hat, der wird sich an Dmitri Kitajenko vor allem als ein Botschafter der Musik seines Heimatlandes Russland erinnern.

Der Altmeister, der 1940 in Leningrad geboren wurde, prägt seit 2012 als Erster Gastdirigent das Konzerthausorchester. Mit seiner sparsamen, fast kapellmeisterlich spröden Zeichengebung nimmt der Dirigent sich der melodienseligen, hoch emotionalen Musik von Sergej Rachmaninows Zweiter Sinfonie in e-Moll an. Es ist ein Werk, das scheinbar nur aus Melodien besteht – Rachmaninow geht darin sogar so weit, dass der erste Satz nicht mal einen eigenen Schlussakkord benötigt, sondern genau in dem Moment vorbei ist, wenn die letzte Melodie endet.

Die Sinfonie löst ein wenig das Rätsel auf, weshalb Rachmaninow einerseits oft als kommerzieller, auf den Effekt hin schreibender Melodien-für-Millionen-Komponist abgetan wird, andererseits aber von ernst zu nehmenden Interpreten hoch geschätzt wird. Rachmaninow war gleichermaßen als Pianist, Komponist und Dirigent unterwegs. Seiner Biografie nach ist er ein getriebener, ja auch ins Exil getriebener Virtuose.

Man könnte nach einmaligem Hören seiner fast einstündigen Zweiten Sinfonie fast jedes Thema mitsummen – doch Rachmaninow weist sich als Großer aus, indem er diese Themen in größtmöglicher Dichte auf kleinstem zeitlichen Raum und mit homogenen Übergängen anordnet. Genau auf diese Spezialität des Komponisten zielt Dmitri Kitajenko. Jeder melodische Schlenker ist Teil des Ganzen, das vermittelt Kitajenko etwa im Adagio den Violinen des Konzerthausorchesters und dem Klarinettisten. Darío Mariño Varela darf mit seinem vollen, weichen und doch nie kitschig-flauschigen Ton ein weit gespanntes Solo spielen, das in der übrigen sinfonischen Orchesterliteratur seinesgleichen sucht.

Elisabeth Leonskaja spielt zuvor das Zweite Klavierkonzert von Sergej Prokofjew von 1912, und sie führt das Revolutionäre dieses Meisterwerks des erst 22-Jährigen mit Intelligenz und Bravour vor: Es ist nicht unbedingt die Harmonik, die Themensetzung oder die Orchesterbehandlung, sondern die moderne Überformung des aus dem 19. Jahrhundert überlieferten romantischen Klaviertons.

Das zeigt Leonskaja gleich zu Beginn auf eine Art, die feinere Klaviergeister fast verstören könnte: Mit fast schlaffen Armen spielt sie die karge Melodie. Es ist ein bemerkenswertes technisches Mittel der erfahrenen Pianistin. Dadurch entsteht eine Stimmung, als würde der Verlust der glutvollen Romantik die gesamte Musikwelt in Trauer und Lethargie versetzen.