Musik

„Beim Liederabend muss man topfit sein“

Die Berliner Sängerin Anna Prohaska tritt in der Philharmonie auf. Im Interview verrät sie, wie sie schwere Texte auswendig lernt

Anna Prohaska gehört zum Solistenensemble der Staatsoper im Schiller-Theater. Am heutigen Sonntag ist die Sopranistin, Jahrgang 1983, allerdings einmal in der Philharmonie anzutreffen. Im Alban-Berg-Zyklus, den Stardirigent Daniel Barenboim aufführt, präsentiert sie frühe Lieder des Wiener Komponisten. Mit der österreichischen Künstlerszene ist der Tochter eines Opernregisseurs, die in Wien aufwuchs, bestens vertraut. Dennoch, gibt sie im Interview zu, sei es für sie mühsam, Werke von Berg einzustudieren.

Berliner Morgenpost:

An der spröden Zwölftontechnik der Zweiten Wiener Schule, zu der die Komponisten Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern gehören, reiben sich viele Künstler.

Anna Prohaska:

Man kann nicht alle Komponisten über einen Kamm scheren. Die drei Hauptkomponisten haben viele Gemeinsamkeiten. Aber der populärste unter ihnen war Alban Berg, weil er es verstand, bestimmte tonale Anspielungen in der Zwölftonschreibweise unterzubringen.

Wir reden über etwas, was hundert Jahre zurückliegt. Damals dachten die Komponisten, sie würde sich damit irgendwann durchsetzen. Aber das Publikum fremdelt nach wie vor.

Wieso? Serielle Musik wurde doch danach sehr viel geschrieben, in Konzerten aufgeführt und gehört. Ein Komponist wie Pierre Boulez wurde stark von Schönberg beeinflusst. Es ist doch eher so, dass sich in der Gesellschaft die Popmusik durchgesetzt hat. Oder, wie ich es ungern bezeichne, die U-Musik. Die klassische Musik hat einen gewissen Anteil, und die Zwölftonmusik ist nicht davon abzuspalten. Jedes Genre hat seine Fans. Und es gibt auch eine kleinere Fangruppe für die Zwölftonmusik.

Muss man Lieder von Alban Berg anders einstudieren als Lieder von Franz Schubert?

Nein. Es dauert einfach nur länger, um sie ins Gehirn hineinzukriegen. Ich habe leider kein absolutes Gehör. Es gibt aber Sänger, die absolut hören. Die sehen das Notenblatt vor sich und können es direkt absingen. Ich hangle mich durch die Intervalle, kleine Sexte, große Septime, kleine None. Es geht von einem Ton zum nächsten. Da entsteht eine andere Routine.

Was genau werden Sie denn jetzt im Sonntagskonzert, für das auch noch Thomas Hampson angekündigt ist, singen?

Ich singe lustigerweise nicht die Sieben frühen Lieder. Die werden jetzt erstmals mit einer Männerstimme besetzt. Ich mache die Altenberg-Lieder. Die habe ich spontan dazubekommen. Herr Barenboim hat mich vor gut zehn Tagen angerufen und mich gefragt, ob ich die noch mit dazunehmen könnte. Ich habe aus Zeitgründen – ich stehe eigentlich mitten in Proben für den „Rosenkavalier“ mit den Berliner Philharmonikern in Baden-Baden – kurz überlegt, aber schnell zugesagt, weil es großartige Lieder sind. Ich habe durch meine Wiener Herkunft einen guten Zugang dazu. Die Konzertarie „Der Wein“ war ja schon lange festgelegt. Es ist diese süffisante, ja fast Wiener Kaffeehausmusik, aber auf atonale Art mit einem kleinen Tango dazwischen.

Die Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg hatten 1913 für einen einmaligen Skandal gesorgt.

Meinen Sie wegen Altenberg und seiner Vorliebe für minderjährige Mädchen?

Nein, Arnold Schönberg hatte doch in Wien zwei Lieder von Berg aufgeführt, aber wegen der Tumulte musste das Konzert abgebrochen werden.

Ach, das Skandalkonzert meinen Sie. Ich dachte schon wegen Altenberg, weil Pädophilie ja wieder ein aktuelles Thema in der Politik ist. Der Wiener Schriftsteller hat pornografische Fotos von Minderjährigen gesammelt und Kindfrauen in seiner Literatur idealisiert.

Sollte man dann überhaupt Lieder von ihm singen?

Um die Jahrhundertwende pflegten viele Künstler die Verehrung von sogenannten Kindfrauen – ob Peter Altenberg, Adolf Loos oder Egon Schiele. Ich finde, es interessiert relativ wenig, ob sich der ausführende mit den privaten Neigungen des schaffenden Künstlers anfreunden kann. Dann dürfte man auch keinen Dalí aufhängen oder Lewis Carroll drucken. Wegen seines Antisemitismus gibt es eine ähnliche Diskussion auch immer wieder bei Richard Wagner. Aber solange die Pädophilie in den Gedichten nicht gehuldigt wird, kann man Künstler und Werk schon voneinander trennen.

Gibt es denn Künstler, deren Werke Sie – aus welchen Gründen auch immer – nur widerwillig aufführen würden?

Einfach schlechte Musik. Es gibt so viele großartige Werke und zu wenig Lebenszeit, um sie aufzuführen.

Im Jahresplan der Staatsoper, zu deren Ensemble Sie gehören, sind Sie im „Freischütz“, der „Zauberflöte“, „The Rake’s Progress“ und mit Konzerten gelistet. Wie viele Auftritte machen Sie pro Jahr?

Das ist sehr unterschiedlich. Und Aufführungen sind vom Aufwand her nur schwer zu vergleichen. Sechsmal die gleiche Opernaufführung ist nicht so anstrengend, als wenn man in einem Monat drei Konzerte mit verschiedenen Programmen macht. Aber ich habe es noch nie so richtig ausgerechnet. Es ist jedenfalls viel.

Andere Sänger sagen, die Schmerzgrenze liegt bei 80 Auftritten pro Jahr.

Ich weiß nicht. Ein Liederabend fordert mehr Energie als eine Opernrolle wie die Susanna, wo man sich den Abend über in einem Kostüm verstecken kann. Beim Liederabend ist man vollkommen nackt. Im letzten Jahr hatte ich zwölf Liederabende mit meinem Programm zum Ersten Weltkrieg. Es war großartig, dass ich es in Edinburgh oder Wien machen konnte. Aber man muss super topfit sein.

Verstecken Sie immer noch Bonbons im Kostüm?

Ja, entweder im Kostüm oder gleich im Mund. Das machen viele Sänger, weil sie über die Bühne rennen müssen und schwitzen. Es ist teilweise unmöglich, im Laufe des Abends einen Schluck Wasser zu erhaschen. Aber die Kehle muss feucht bleiben, sonst schwingen die Stimmlippen nicht.

Sie stammen aus einer Künstlerfamilie. Gibt es noch mehr kleine Tricks, die Ihnen mitgegeben wurden?

Was das Lernen von Texten angeht zum Beispiel. Wenn man ein Lied oder Gedicht lernt, dann fängt man von hinten an. Man beginnt mit dem letzten Satz und nimmt dann den davor mit dazu. Je sicherer ist die Erinnerung, wenn man von vorne zu singen beginnt. Normalerweise beginnen alle immer mit dem Anfang und nach hinten hin wird es immer wackliger. Es ist ein guter Trick. Das sagen auch viele Schauspieler.

Die Berg-Lieder singen Sie jetzt aber nicht auswendig?

Das war mir zu kurzfristig. Und da es eine Radioübertragung geben wird, gehe ich lieber sicher und habe die Noten vor den Augen. Das machen die anderen Musiker ja auch.

Das war jetzt kein Vorwurf.

Es gibt manchmal solche sportlichen Leute, die einen dazu antreiben. Etwa die Lehrer, die einen immer davon überzeugen wollen. Aber ich singe schon genug auswendig, riesenlange Opern und Liederabende. Da will ich mir nicht noch den Stress im Konzert antun, zumal wenn man nur wenige Proben hat.

Wir müssen bei all Ihrem Erfolg noch die Divenfrage klären: Wie viele Pelze hängen inzwischen in Ihrem Schrank?

Keiner. Ich gehe lieber mit Freunden schön essen.

Philharmonie Alban-Berg-Zyklus I, Konzert am Sonntag um 16 Uhr