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Es ist Sünde, keinen Spaß am Leben zu haben

Maximilian Lenz alias Westbam hat die Partys der 90er-Jahre geprägt. Heute lebt der DJ mit seiner Familie in Prenzlauer Berg. Ein Treffen

Westbam war derjenige, der Deutschland zum Sonic Empire machte. Wir reden von den bauchfreien 90er-Jahren. Überweites Schlagbein, Zungenpiercing, Zickzackscheitel. Er war der Beatbox Rocker. Er war der DJ, der Produzent, der Inhaber des Indielabels, das Techno, das große dunkle Bumbumbum bunt machte. Er entdeckte Marusha, RMB und Mark’Oh. Auf Viva fuhr er im Papstkostüm Fahrrad durch die Jugendzimmer. Die Kirche hatte Johannes Paul II., der Poptechno das Aushängeschild Westbam. Er war es, der 1991 die Mayday in Berlin-Weißensee gründete, damals noch als Rettungsveranstaltung für einen Radiosender gedacht. Der Sender ging unter, die Mayday wurde eine der bekanntesten Partyreihen Deutschlands. Mit Dr. Motte initiierte er auch die Loveparade, sie machten den Titeltrack, sie hielten auf den Wagen die Zügel. Seit 2010 gibt es die Loveparade nicht mehr. Offiziell. Im vergangenen Jahr zog sich Westbam auch aus der Mayday zurück.

Techno sieht 2015 anders aus. Westbam eigentlich nicht. Gerade ist er 50 Jahre alt geworden, sagt, er sei Berufsjugendlicher, man kann ihn Max nennen. Zwei Kinder hat er, Söhne. Er wohnt in Prenzlauer Berg, direkt am Kollwitzplatz. Es ist Mittag, Ecke Husemannstraße, vor dem Café steht ein Strandkorb, drinnen sitzt er mit Superdry Fellkragenjacke und schwarzer Kappe. Im Laufen kann er besser denken, liest man über ihn, und er sagt, es stimmt, also machen wir einen Spaziergang durch den Kiez.

Anekdoten aus dem Nachtleben

„Die Macht der Nacht“ (Ullstein, 18 Euro) ist gerade erscheinen. Es ist eine musikalische Autobiografie. Sie beginnt mit Max dem Punk, der Anfang der 80er-Jahre in Berlin in den Schwulenclubs die Tanzmusik entdeckt. Es ist in seiner Heimat Münster, wo er zum ersten Mal auflegt. Mit 19 Jahren wird er zu DJ Westbam. Er erzählt seine Geschichte in Anekdoten, locker, leicht, aber er schreibt auch Sätze wie: „Iss dein Herz auf, Renner.“ Und ja, damit meint er den heutigen Berliner Kulturstaatsekretär.

1988 war Tim Renner es, der Westbam als ersten DJ Deutschlands einen Major-Vertrag verschaffte. Das Bild, das Westbam damals von ihm hatte, „Billy the Kid“, der Gute von der Industrie, der sich für die Künstler einsetzt, „trübte sich ein“, so schreibt er, als er Mark’Oh, den Westbam bei seinem eigenen Indie-Label unter Vertrag hatte, abwarb. 1995 verließen Westbam und „Low Spirit“ Renner und dessen damaliges Label. „Iss, dein Herz auf.“ Westbam schmunzelt, sagt, heute sei da kein Groll mehr, das wäre ja schlimm. Aber er wollte, dass man in seinem Buch auch nachlesen könne, die 90er-Jahre, das war eben nicht nur Party. Das war auch Kulturkampf.

Seit dreißig Jahren macht Westbam Party. Und seit dreißig Jahren reden alle mit ihm über Party. „Drogen eignen sich nicht zum Plattenauflegen.“ „Die Loveparade hat das Gesicht Deutschlands in Europa verändert.“ „Die 90er waren das Jahrzehnt der Überdosierung.“ Was ist in seinem Leben sonst noch wichtig? Er geht und murmelt ja, ja, eh, eh – es sind so Denkgeräusche, sie sind typisch für ihn.

Der Tod ist immer ein Thema

Maximilian Lenz wuchs in Münster auf. In Nordrhein-Westfalen. Er ist Sohn zweier Kunstpädagogen. Sein Vater starb früh. Sein Erinnerungsbuch endet 2014 mit dem Tod seines DJ-Kollegen und Freundes Lutz „Lupo“ Ludwig. Der Tod, sagt er, war schon immer ein großes Thema in seinem Leben. Wenn man so will sei der Tod auch das Thema jeder Party, denn da, wo das Leben zelebriert würde, ginge es notwendigerweise auch um dessen Ende. Schon mit 13 Jahren hatte er Angst vor der Endlichkeit. Damals hat er noch keine Musik gemacht, sondern Bilder gemalt, er lacht, sagt, damals dachte er schon, sollte er jetzt sterben, seien die kleinen Bilder – inspiriert von den Neuen Wilden, bunt, wuchtig expressiv – das Einzige, was von ihm zurückbleibe. Wieder lacht er kurz. Eigentlich sei das untypisch für das Nachtleben, aber er habe schon immer in Werken gedacht. Er hat geschafft, was er wollte, hat sich eingeschrieben in die deutsche Popgeschichte. Es ist noch nicht viele Tag her, da verstarb sein Freund und Low-Spirit-Mitbegründer William Röttger. Stirbt man in einer Branche, in der man sich der Nächte beraubt, eher?

Dass Drogen die Leute eher sterben lassen, glaubt Westbam nicht. Das sei eine christliche Annahme, dass man bestraft werden muss, weil man Sünde begeht. Viel mehr gehe es doch an die Substanz, wenn man keinen Spaß am Leben habe. Er bleibt kurz stehen. Auf eine komische Art, sagt er dann und macht wieder eh, eh, eh – er habe heute weniger Angst vor dem Tod. Die Vorstellung zu sterben, sei zwar immer noch unangenehm, aber angenehmer als die Vorstellung, seine Kinder zu überleben.

Zehn und zwölf Jahre alt sind sie. Musik entdecken sie in Computerspielen oder Internetshows. Westbam sagt, sein Alltag sei heute nicht anders als früher, er sei halt nur familiär geworden. Und er reise nicht mehr so viel. Er lege jetzt nur noch ein Mal pro Jahr in Japan auf. Nicht drei Mal. Trotzdem spiele er noch einen Gig pro Woche. Was heute anders sei? Im Alter sei man als Künstler nicht mehr so eng mit dem Zeitgeschehen verbunden. Früher war seine Arbeit auch das Produkt der Auseinandersetzung mit der Konkurrenz gewesen, das Entdecken und die Welt verändern wollen. Aber das habe nachgelassen. Trotzdem arbeitet er gerade an einer neunten LP. Wie bei seinem 2013er-Album „Götterstraße“ sollen dieses Mal wieder Sänger unterschiedlichster Art durch seine Musik verbunden werden. Er schickt ihnen den Track, bittet sie um ihren Gesang. Diesmal ist Drake dabei und Kendrick Lamar. Und Dirk von Lowtzow singt auf Englisch „Hibernation“ – Überwinterung. Die Stimmen, die er von den Künstlern geschickt bekommt, seien immer eine Überraschung. Nächste Woche bekommt er Vocals von den Beatsteaks, sagt er. Aber jetzt macht er erst mal Lesungen. Westbam bleibt in Bewegung, er ist kein Denkmal der 90er-Jahre.