Interview

„Märchen sind ein Blick in das Herz eines Landes“

Cornelia Funke hält Fantasy für eine notwendige Flucht. Im Theater an der Parkaue stellt die Autorin ihren neuen Roman vor

Im dritten Band ihrer „Reckless“-Saga „Das goldene Garn“ reist Cornelia Funke mit ihren Figuren durch die Märchenwelten Osteuropas. Wie schon die ersten Bände und zuvor ihre „Tintenwelt“-Romane landete auch Teil drei auf Anhieb weit oben in den Bestsellerlisten. Am Sonnabend um 16 Uhr stellt Funke, die in Los Angeles lebt, im Theater an der Parkaue „Das goldene Garn“ vor. Im Interview erklärt sie, warum sie Märchen für unverzichtbar hält und welche besondere Beziehung sie zu Berlin hat.

Berliner Morgenpost:

Bestimmt wissen Sie auf Anhieb, von welchem Schriftsteller dieses Zitat stammt: „Wer hat denn etwas gegen Flucht? Doch nur der Kerkermeister.“

Cornelia Funke:

Soweit ich weiß, von J. R. R. Tolkien.

Haben Sie dem Autor von „Der Herr der Ringe“ viel zu verdanken?

Die Entdeckung von Fantasy als Literaturgattung. Mein Dank gilt allerdings auch Klett-Cotta für die von Bernd Engelmann gestalteten Umschläge der Hobbit Presse. Von diesen Büchern konnte man ja einfach nicht die Finger lassen! Ich habe noch ein paar der alten Ausgaben, hüte sie wie einen Schatz. Nach Tolkien kamen T. H. White, der immer noch mein Favorit ist, William Goldman, Mervyn Peake, Michael de Larrabeiti.

Ist Fantasy eine Flucht aus der Welt? Oder hilft sie uns, die Welt besser zu verstehen?

Begreift man sie als Flucht, dann als eine sehr notwendige – um Atem zu holen und die Realität, die einen umgibt, infrage zu stellen, Gegenwelten zu denken. Fantasy erschließt unsere Welt aber auf viele Arten neu: Ähnlich wie Mythen und Märchen zieht sie die Grenze zwischen Mensch, Pflanze und Tier nicht und erinnert uns, wie sehr jede Gestalt Ausdruck desselben Lebensprinzips ist. Und wie überlebensnotwendig der Respekt voreinander ist. Eine andere Grenze, die Fantasy ebenso wie Mythen und Märchen nicht ernst nimmt, ist die zwischen Leben und Tod. Ein Glaube, den ich nicht unrealistisch, sondern im Gegenteil für wesentlich realistischer halte als den Glauben, dass irgendetwas in diesem Universum wirklich ein Ende hat.

Im dritten „Reckless“-Band sind Ihre Helden Jacob und Will Reckless in der Märchenkultur Osteuropas unterwegs. Was fasziniert Sie daran?

Ich möchte in dieser Serie einmal um die Welt reisen. Was theoretisch heißt, dass es in Buch 4 durch Asien geht, in 5 durch Amerika und in 6 durch Afrika. Aber: Meine Geschichten halten sich selten an solche Pläne. Also mal sehen, wohin die Reise führt. Dass sie in Buch 3 nach Osten führte, wurde auch durch einen Besuch in Moskau inspiriert, anlässlich des Erscheinens von Buch 1 in Russland. Es war sehr beeindruckend zu sehen, wie lebendig die Märchentradition dort ist.

Sie schreiben in einer ultramodernen Stadt wie Los Angeles, doch Ihre Geschichten ziehen viel Energie aus der Geschichte und den Mythen Europas. Fällt es Ihnen eigentlich leicht, zwischen den Welten zu wechseln?

Das fällt mir hier leichter als an jedem anderen Ort. Zum einen bekommt man eine Distanz zur alten Welt, durch die man sie sehr viel deutlicher sieht. Zum anderen bin ich hier wirklich in der Mitte der Welt, denn nach Neuseeland ist es fast so weit wie nach Europa. Auf beiden Seiten habe ich sehr viele Leser, und das Leben in Kalifornien hat mir erst wirklich das Gefühl gegeben, eine Geschichtenerzählerin für die Welt zu sein. Ich hoffe, dass die Spiegelwelt eine Liebeserklärung an die Vielfalt dieser Welt wird und dass sie ihre lesenden Besucher neugierig aufeinander macht und miteinander verbindet.

In der Spiegelwelt passiert den Figuren viel Grausames – wie in den klassischen Märchen. An einer Stelle lassen Sie den steinhäutigen Schatzjäger und Doppelagenten Nerron sagen: „Man sollte es verbieten, dass Kindern Märchen erzählt wurden. Man sollte jedem, der es tat, die Zunge herausschneiden!“ Sie sind offenkundig anderer Meinung: Warum sollte man denn Kindern Märchen erzählen?

Weil sie so viel von unserer Geschichte bewahren: verschwundene Traditionen, Landschaften, Völker, Göttinnen ... sie sind auch immer ein Blick in das Herz eines Landes und damit wunderbare Reisevorbereitung. Und sie erinnern uns daran, wie sehr wir uns alle ähneln – auch wenn wir ständig Grenzen über diesen Globus ziehen und einander den Krieg erklären. Dann können Märchen Kindern auch noch wunderbar beibringen, wieder mehr in Bildern zu denken und so die Welt zu begreifen. Und sie sprechen über die großen Fragen: Leben und Tod, Gut und Böse. Kinder denken darüber ja oft gründlicher nach als Erwachsene.

Auch das Thema Liebe spielen Sie in „Das goldene Garn“ durch – der Schatzjäger Jacob Reckless und die Gestaltwandlerin Fuchs finden zueinander. Doch ihre Liebe ist bedroht – der Erlkönig fordert Jacobs erstes Kind. Ist Liebe eine gefährliche Sache?

Aber sicher. Wunderbar und furchtbar. Lebensrettend und lebensgefährlich. In nichts können wir uns leichter verlieren. Oder finden. Allerdings sollte man das über alle Formen der Liebe sagen. Es wird darunter ja allzu schnell nur die romantische Liebe verstanden, obwohl wir alle wissen, dass sie unendlich viele Formen annehmen kann. Ich finde es eigentlich seltsam, dass wir für ein so wichtiges Gefühl nur ein Wort haben.

Wissen Sie schon, wie die „Reckless“-Saga weitergeht? Oder wird sie am Ende auch Sie überraschen?

Ich weiß nie das Ende. Ich will es nicht wissen. Das wäre allzu langweilig.

Wie viele Teile von „Reckless“ sind geplant?

Zur Zeit denke ich: sechs. Aber ich überlege immer öfter, ob man diese Geschichte nicht auch in kürzeren Schritten erzählen könnte.

Filme wollen Sie nach „Tintenherz“ nicht mehr machen, stattdessen setzen Sie auf Apps – aktuell die Mirrorworld-App. Warum hat Sie das Kino so enttäuscht?

Die Bilder waren einfach selten die, die ich in meinem Kopf gesehen hatte, und ich wünsche mir mehr und mehr, doch genau die und nicht andere zu teilen oder als Bebilderung meiner Geschichten zuzulassen. Schließlich bin ich auch Illustratorin. Filme sind außerdem zu kurz. Es kommt mir jedes Mal so vor, als wäre mein fliegender Teppich zur Serviette verkommen.

Am Sonnabend sind Sie kurz in Berlin. Welche Beziehung haben Sie zur Hauptstadt?

Berlin hat für mich vor allem Bedeutung als Wohnsitz von Rainer Strecker, meiner deutschen Zauberzunge. (Schauspieler Rainer Strecker hat viele Hörbücher von Cornelia Funke gelesen, d. Red.). Ich freue mich sehr darauf, mit ihm in seiner Heimatstadt aufzutreten und bei ihm und seiner Frau zu wohnen – die einmal meine Französisch-Lehrerin in L.A. war.