Biographie

Erst kommt Berlin, dann der Weltruhm

Conchita Wurst stellt Single und Buch in Mitte vor. Nächstes Ziel: Ein Grammy

Torstraße 1, „Soho Haus“, zweite Etage. Kim Fisher trägt einen Anzug und steht auf einer kleinen Bühne. Hinter der Moderatorin prangt eine Fotowand, auf der immer wieder Sony Music gedruckt steht. Es sieht also so aus, als würde es hier um Musik gehen. Angekündigt ist eine Pressekonferenz zu Conchita Wursts vierter Single. „Unstoppable“ soll die heißen, weil die Musikkarriere der Drag Queen aus der Steiermark eben doch noch nicht vorbei sein soll. Nein jetzt, pünktlich, wo doch bald wieder Eurovision Song Contest ist, kommt ein neues Album. Und Conchita Wurst wird ihn mitmoderieren den ESC 2015, zusammen mit Arabella Kiesbauer und Mirjam Weichselbraun. Und mehr noch. Es gibt auch noch ein Buch. Eine Biografie. „Ich, Conchita Wurst. Meine Geschichte. We are unstoppable.“ Und das mit 26.

Kim Fishers Moderationsanmutung ist feierlich bis aufgeregt: „Herzlich Willkommen zu einem Date der besonderen Art“, sagt sie, zu den Journalisten, die in lindgrünen Stühlen vor ihr sitzt. So besonders sei das, was heute hier passiere, sie schüttelt den Kopf, sie habe gar nicht gewusst, was sie anziehen solle. Und dann lacht sie, die Frau, denn was folgt, soll lustig sein, denn ihr Gast – eigentlich ein Mann, hihi – , der habe eine Taille, die sei dreimal so schmal wie ihre. Und spätestens jetzt ist klar, Sony-Music-Aufdruck hin oder her, es geht hier nicht um Musik, um Bücher schon gar nicht. Das hier ist eine Bestandsaufnahme.

Tief dekolletiert, ganz in schwarz

Ein Jahr nach dem ESC-Gewinn ist es Zeit zu erörtern: Ist eine Dragqueen mit Bart jetzt soweit normal – wenigstens hier in Europa –, oder ist sie noch immer ein Anstoß und damit ein Anstoß in die Charts? Und dann von rechts, kommt er, der Gewinner des ESC 2014 in weiter Marlenehose, tief dekolletiert, ganz in schwarz. Er posiert für die Fotografen. Hand unters Kinn wie Lauren Bacall. Sagt aber, Victoria Beckham habe all seine Posen inspiriert. Kim Fisher ist begeistert, und dann will sie, das aufgekratzte Mädchen, dringend, dringend einen aufgekratztes Mädchengespräch führen.

Über Männer und Mieder, sagt sie, will sie reden, beginnt dann – natürlich, darüber redet man doch mit Frauen – aber über Schuhe zu sprechen. Ihr Freund, sagt Kim Fisher und atmet durch, ach, der ist halt ein Mann-Mann, Stereotyp, so einer, der keine Kleider trägt, der hat keine Ahnung, dieser habe sie letztens gefragt, ob man einen Unterschied merke, wenn man Louboutins statt Buffalo-Schuhe trage. Fisher lacht, und dann blicken Wurst und Fisher auf ihr Schuhwerk. Die Moderatorin trägt Buffalo. Die Sängerin Christian Louboutin-Leoprint-Stilettos, Lackleder, 120 Millimeter Absatz, Modell „So Kate“, rund 700 Dollar kosten die. Gekauft hat Wurst sie nicht, sie sind ihr geliehen worden. Kim Fisher ist begeistert. Louboutin leiht Wurst Schuhe. Und das sei ja nicht alles, was ihr seit dem Sieg im letzten Jahr passiert sei.

Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon hat sie in Wien empfangen. In der Eingangshalle des Uno-Gebäudes hat sie gesungen. Für Toleranz. Und nicht nur Ban Ki-moon, nein, auch mit Jean Paul Gaultier, Karl Lagerfeld und Vivienne Westwood habe Wurst sich getroffen, sagt Kim Fisher. Und Wurst, bremst die Moderatorin, sagt jaja, aber auf ihrer Kurzwahltaste habe sie die alle nicht direkt. Aber Fisher, das Mädchen aus Berlin, das sagt, immerhin wisse Wurst wie Lagerfeld und Westwood riechen. Und die Sängerin nickt, ja, Vivienne Westwood rieche genau wie Karl Lagerfeld – und beide riechen eben genau wie ihre Oma aus der Steiermark. Und nein, das Pressevolk, dürfe das nicht falsch verstehen. Wurst Großmutter erfährt man, duftet toll. Nach Menthol.

So verplätschern gut 20 Minuten. Wursts Starstatus wird daran gemessen, wie viele berühmte Menschen sie getroffen hat. Kim Fisher gibt sich beeindruckt. Erzählt noch einmal, dass sie auf einer Gala, bei der Lagerfeld in der ersten Reihe saß, permanent den Bauch einzog. Der zweite Witz über ihre Figur – über die es eigentlich gar nichts zu lachen gibt. Conchita Wurst ist locker. Und bleibt locker. Ihr Buch? Ach, sie wollte mit 26 eigentlich keine Biografie schreiben. Aber dann hätten ihre Berater sie eines Besseren belehrt. Und da sie am liebsten Bücher mit vielen Fotos mag, seien in dem Buch auch viele Bilder drin. Von damals, als Conchita nur die Idee des jungen schwulen Tom Neuwirth war, eine Idee, die er verboten fand, weil sein Umfeld zu intolerant, zu spießig war. Tom mit dem Meerschweinchen Bobby auf dem Arm. Tom neben Mädchen mit Mütze und einem Hund. Alles Kinderfotos. Erwachsene Fotos gibt es nur im Dragqueen-Dress. Vier Tage lang hat Wurst dem Ghostwriter ihre Lebensgeschichte erzählt. Er hat sie niedergeschrieben.

Conchita Wurst ist ehrlich. Sie sagt es geradeheraus. Auch das: Sie will Weltruhm. Nicht für ihren Bart, sondern für ihre Musik. Kim Fisher hakt da nicht nach. Die Musik, das interessiert sie nicht so. Es ist ein Reporter ganz zum Schluss, der nachfragt: Weltruhm? Ja, Conchita Wurst sagt, sie wolle einen Grammy gewinnen. Nicht nur einen, sondern viele eigentlich, so wie Beyoncé. Und wie sie das so sagt, ist es süß und tragisch zugleich. Denn die größte Auszeichnung, die Conchita Wurst eigentlich je erfahren kann, ist, dass sich irgendwann niemand mehr für sie interessiert, weil ein schwuler Mann, der sich kleidet, wie eine Frau, aber trotzdem einen Bart trägt, so entsetzlich durchschnittlich geworden ist wie eine Kim Fisher – eine heterosexuelle Frau, die unablässig Witze über ihre Figur macht, nicht weiß, was sie anziehen soll, und Schuhe für ein prima Gesprächsthema hält.