Ausstellung

Wie ein englischer Malerfürst einen Rembrandt „verbessern“ wollte

Eine Schau in der Gemäldegalerie zeigt: Das Original hatte ganz andere Farben

Die Restauratorin setzte „Susanna“ ganz schön zu, legte sie auf den Röntgentisch, beschoss sie mit Neutronen. Und dann sah Claudia Laurenze-Landsberg etwas, was sie eigentlich gar nicht sehen wollte. Sie war irritiert, heftig.Sie entdeckte auf der Leinwand winzige Pigmente, die es im 17. Jahrhundert noch gar nicht gegeben hatte. Einige Stellen wiesen zudem eine Malweise auf, die sie so von Rembrandt gar nicht kannte.

Am Ende war klar: Rembrandts Meisterwerk „Susanna und die beiden Alten“ ist nicht jenes Original, das der Meister 1647 hinterließ. „Susanna“ wurde im 18. Jahrhundert zu großen Teilen einfach übermalt, ganze Partien mit Lösungsmittel ausgewaschen, andere Schichten schlicht ausgedünnt, bevor sie neu, an einigen Stellen mit einem „modernen“ hellen Farbton übermalt wurden. Details wie der Schwan sind gar verschwunden.

Der Täter? Der englische Malerfürst Joshua Reynolds (1723–1792), der Rembrandt sammelte und für alte Maltechniken ein Faible hatte. „Susanna“, so recherchierte man in der Gemäldegalerie, war damals in seinem Besitz. Es ist bekannt, dass Sir Joshua häufiger Bilder anderer Künstler nach seinem Geschmack veränderte.

In welcher Weise er das tat, zeigt jetzt die kleine, feine Schau im Kabinett der Gemäldegalerie. Kupferstichkabinett und Gemäldegalerie arbeiten hier zusammen, weil beide Institutionen über einen veritablen „Susanna“-Bestand verfügen. Allein das Kupferstichkabinett besitzt 60 Rembrandt-Zeichnungen.

Verblüfft steht man also im Kabinett und starrt auf eine grüne Fläche auf einem „Susanna“-Foto, die Farbe zeigt, dass hier fast der halbe Rembrandt auf der Leinwand abgetragen und somit eliminiert wurde. Susannas Haar legte Reynolds frei, und auch die Ohrenklappe eines der Richter studierte Reynolds, indem er Farbe abtrug. An einer Stelle ist die Malschicht gequollen, bedingt durch ein Harz, das in der Mitte des 18. Jahrhunderts zur „Auffrischung“ verwendet wurde. Reynolds benutzte dieses Bindemittel. Letzter Schritt: Die Berliner kontaktierten ihre englischen Kollegen vom renommierten Reynolds Research Project. Eindeutig Reynolds, sagten diese.

Sir Joshua mangelte es offenbar an Respekt gegenüber einem Meister wie Rembrandt. Größenwahn könnte man auch sagen. „Durch diese Eingriffe, mit denen er bewusst ,verbesserte‘, wollte sich Reynolds zum Herrn der Kunstgeschichte machen“, sagt Heinrich Schulze Altcappenberg, Direktor des Kupferstichkabinetts.

Im Rahmen der „Susanna“-Forschung übrigens stellte sich noch heraus, dass die erste Version des Gemäldes bereits 1635 entstand und nicht wie bislang angenommen 1638. Rembrandt fertigte drei Versionen des Bildes, auch dieser Prozess ist in der Ausstellung dokumentiert. Wie sehr den Künstler das Motiv der tugendhaften Susanna beschäftigte, zeigen Zeichnungen und Kupferstiche seiner Schüler und Werkstatt. Für die Gemäldegalerie ist wieder eine neue Rembrandt-Etappe bewältigt. Der Schock war damals groß, als der „Mann mit dem Goldhelm“ auf Eigenhändigkeit geprüft und dann abqualifiziert, lediglich seiner Werkstatt zugeschrieben wurde. Noch zu seinen Lebzeiten wimmelte es nur so von Schülern. Die Forschung muss wachsam bleiben.

Gemäldegalerie, Kabinett, Matthäikirchplatz, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr. Bis 31. Mai. Katalog: 15 Euro.