Klassik-Kritik

Tenor Ian Bostridge wandert bedächtig durch einen Wald

Ian Bostridge betritt die Bühne des Kammermusiksaals und teilt dem Publikum mit, man habe beschlossen, die Konzerthälften auszuwechseln.

Vielleicht eine Spur zu nervös beginnt der britische Tenor dann den Liederabend und windet sich wortwörtlich hinein in Robert Schumanns Liederzyklus op. 35. Seine schlaksige Körperlichkeit ist immer wieder erstaunlich, er biegt seinen Rücken weit nach hinten, wankt im Wind und hakt sich rettend in den Flügel ein. Die Lust der Sturmnacht empfindet er eher auf hoher See als im stillen Zimmer. Am Ende des ersten Liedes richtet sich Bostridge zu voller Länge auf, wie das Teleskop eines U-Bootes, „mich umfängt des Himmels Helle“ – und sein Publikum ab sofort auch.

Den ganzen Abend werden seine Bewegungen nicht weniger, doch schnell vermag man sie fasziniert auszublenden, denn das Ausdrucksvermögen des Sängers scheint unerschöpflich. Mit Stimmfarben spielt er bedächtig, aber umso effektiver; eine selige Helligkeit nimmt er hinein, als er als Mägdlein vor den Hochaltar tritt und um die Nonnenweihe bittet. Im Wanderlied schaut Bostridge kurz auf einen Dauerhuster in der vierten Reihe, der beschämt den Saal verlässt. Weiter braucht er gar nicht Regie zu führen, das Publikum liegt ihm ohnehin zu Füßen. Mit größter Innigkeit führt er auf Wanderung in die Waldgegend, weint stille Tränen und entlarvt uns Leutselige mit nur dem sanften Heben der Augenbrauen: „Ihr meinet, stets fröhlich sein mein Herz?“

Lars Vogt schafft derweil am Klavier den Grund für den Vortrag, es ist wie ein weicher Waldboden. Dem Sänger fügt er oft nicht mehr als einen Wimpernschlag im Pianissimo hinzu, und doch sind es sie beide, die am Ende des Schumann-Zyklus gemeinsam sterben.

Nach der Pause folgt die ursprünglich erste Programmhälfte. Charles Yves führt ins Getümmel der Oper, wo der Vorhang sich gleich heben wird und verlangsamt wieder, beim Blick ins Himmelsblau, mit einer kaum 30 Sekunden dauernden Erinnerung an seines Vaters Lied. Ein gelbes Blatt bekommt große stimmliche Aufmerksamkeit in Johannes Brahms Neun Liedern und Gesängen.

Der Fokus auf Nebenschauplätze ist ein kluger Gedanke, denn mit seinen 50 Jahren nimmt man Ian Bostridge nicht mehr ganz den adoleszenten Verlassenen ab. Wer sich so lang an die verlorene Jugendliebe klammert, dieser Gedanke schleicht sich ein, dem geschah die Trennung vielleicht recht? Wie ein Vampir saugt er den ätherischen Duft der Freiheit ein und sackt schon beim Versuch zusammen, „den Feind aus der Brust“ zu atmen. Sein Gesichtsausdruck wird zu dem eines Wahnsinnigen. Das löst das Problem der Glaubwürdigkeit aber nur vordergründig. Niemand möchte sich als die Königin eines Besessenen fühlen, der im Arm seiner Angebeteten sterben will. Und so geraten selbst die Zugaben, das Meeresrauschen von Brahms wie Schuberts Mondlied nur zu Flicken auf einem meisterlich musizierten, aber leider falsch zusammengenähten Abend.