Tanzshow

Von Hengsten und Traumtänzern

Die Step-Show „Riverdance“ gastierte in der O2 World. Man lernt: Männer sind wie Trommeln

Die O2 World, Berlin 2015, und man schaut die Langfassung der Pausenaufführung des Eurovision Songcontests von 1994. Live. Riverdance. Kurze Samtkleidchen zu langen offenen Haaren tanzen mit hoch gewachsenen Haartollen zu Suspenders. Die Girls sind ätherisch inszeniert. Wenn sie kommen, klimpern die Chimes. Sie schweben wie Wassergeister. Die Boys hingegen sollen machtvoll sein, wie Blitz und Donner, so maskulin. Nur ihr Tanz wird mit Trommeln verstärkt.

Was die Geschlechter hier eint, ist der steife Oberkörper. Halsstarre und schwach am Torso herunterhängender Arm. Der Fokus liegt auf dem Fuß. Metallplattenverstärktes Hacke, Ballen, Hacke, Ballen, Wisch, Wisch. Die Beine fliegen. Dazu Dudelsack, Flöte und Gefiedel. 1994 war der Eurovision Contest bereits zum zweiten Mal in Folge in Irland. Der Wettbewerb zog von Millstreet im County Cork nach Dublin. Dieses Mal sollte mit Step und keltischer Musik das Land vorgestellt werden. Das kam gut an. Zu gut. 20 Jahre später tourt der Tanz noch durch die Welt. Kanada. USA. Japan. Jetzt wieder Berlin.

Von einer komplett bestuhlten O2 World aus schaut man sitzend auf eine spärliche Bühnendeko. Links drei Stühle für die Musiker im Jackett – Flöte, Violine, Saxophon –, rechts das Schlagzeug. In der Mitte prangt eine quadratische Leinwand, hier geht die Sonne auf. Grün glitzernd gekleidet tanzen die Frauen ein. Echte Menschen, die sich bewegen, wie die Puppen der Augsburger Puppenkiste, dazu ertönt Musik, die einen an Traumfänger denken lässt.

Traumfänger, die in großen Wohnblocks vor offenen Balkontüren hängen, deren kleine Federn im Wind zittern, während der Fernseher läuft. Werbung auf VH1 für Panflöten-CDs. Das Fernsehbild zeigt rauschende Bäche und grüne Wiesen. Irgendwie ist man entspannt. Dann aber – Szenenwechsel –, die Tänzer tragen große Stumpenkerzen auf die Bühne, bewegen den Mund zum Playback-Chorgesang. Es fühlt sich sakral nach Messdiener-Melancholie an. Die Leinwand zeigt dazu eine pixelige Weltkugel. Ist das nun New-Age- oder Windows-98-Ästhetik? Man kommt zu keinem Schluss.

Dann Stimmungswechsel. Tanz. Die Lead-Tänzerin stellt sich heraus. Ihr Kostüm ist immer ein bisschen schöner, als das der anderen, der Scheinwerfer folgt immer ihr, die anderen bleiben im Schatten. Es ist Emma Warren, sie hat einen Bachelor of Arts in Music. Nach der Show, da wird sie mit ihren Kolleginnen in einem Eiseimer stehen um ihre Fesseln zu kühlen. Die Tänzer machen das so, um Schmerzen vorzubeugen.

Dann: Donner. Blitzschlag. Die Mädchen verschwinden. In Schwarz gekleidete Jungs jagen ihr Shuffle, Stomp, Brush, Ball, Hop über die Bühne. Der Schlagzeuger lässt das Becken vibrieren. Trommler treten auf. Unterstützen fast jeden Schritt. Gefiedel und Geflöte setzen aus. Man soll die Mannen hören. „Hey“ schreien sie immer wieder.

Dann schreitet der männliche Lead-Tänzer ein, er ist ganz in Leder, wie ein Hengst leitet er seine Herde an. Ihr Getrappel hallt von allen Wänden wider. Und dann – endlich – beginnen auch die Arme zu leben, die Hände schnipsen, klatschen. „Hey!“ Das ist Tango. Das ist Leidenschaft.

Ihren Höhepunkt findet die Show in Amerika. Die Iren sind ausgewandert. In Harlem treffen sie auf schwarze Tap Dancer. Es klingt hässlich, aber es kommt zu so einer Art ethnischem Tanzwettbewerb. Das Publikum johlt, klatscht, schreit, will aufstehen, bleibt aber sitzen, sonst sehen die anderen ja nichts. Die Leinwand zeigt einen Fluss. Dann den Titel. Riverdance. Das war das.