Klassik-Kritik

Die Klavierdiva spielt ein gefährliches Spiel

Hélène Grimaud überwältigt den Dirigenten Valery Gergiev

Großer Andrang in der Philharmonie: Alles wartet auf Hélène Grimaud und Valery Gergiev, zwei launische Gefühlsexzentriker von Weltrang. Beethovens Viertes Klavierkonzert op. 58 soll sie an diesem Abend vereinen. Doch die französische Klavierdiva und der russische Sturm-und-Drang-Dirigent finden nicht wirklich zueinander. Da ist Gergiev, der ganz auf romantischen Schmelzklang in den Beethovenschen Außensätzen dringt. Mit stark zitternder Linker animiert er die Philharmoniker zu intensiven Gesten und konzentrierter Poesie. Und da ist Hélène Grimaud, die sich nach traumwandlerischem Beginn schon bald in gepanzerte Virtuosität flüchtet. Rigoros gibt sie die Tempi vor. Gergiev und die Philharmoniker geraten ins Schwitzen. Sie staunen ebenso wie das Publikum über Grimauds genialisch wuchernde Solokadenzen. Immer wieder drängt sich die linke Hand der Französin putschend in den Vordergrund. Grimauds fragilere Rechte droht in den tosenden Begleitstürmen zuweilen unterzugehen. Es ist ein risikoschwangeres Klavierspiel, das von Takt zu Takt mehr Gefahren birgt.

Im Andante ist es dann Gergiev, der für Überraschung sorgt. Er presst dumpfe, gruftige Akzente aus den Philharmonikern. Er zischt und faucht bei Orchesterakzenten so scharf mit, dass man im Saal erschrickt. Grimaud singt mit Engelszungen gegen Gergiev an. In diesen Momenten wirken Solistin und Dirigent Lichtjahre voneinander entfernt. Anhaltender Applaus hinterher, untergründig fordernde Bravorufe. Aber Grimaud bleibt standhaft. Eine Zugabe zückt sie nicht. Und das ist schade, denn gerade nach dem recht zugeknöpften Rondo-Finale hätte man sich gern noch etwas fürs Herz gewünscht.

Und Gergiev? Voller Hunger stürzt er sich nach der Pause auf Prokofievs Sechste Sinfonie in es-Moll op. 111. Auf ein Werk, das er wie kaum ein anderer kennt. Ganz anders dagegen die Philharmoniker: Sie hatten die Partitur seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr angerührt. Spektakulär nun, wie sie sich diesen Prokofiev mit Gergiev in Windeseile neu erkämpfen. Bemerkenswert, wie bedingungslos sie sich seinen schöpferischen Energien hingeben. Gergiev zwingt die Musiker auf Stuhlkante, lässt sie für die Kunst brennen. Dass der Sinfoniker Prokofiev in den letzten Jahrzehnten immer stärker in Schostakowitschs Schatten geraten ist, scheint verständlich aber ungerecht. Prokofiev ist der schillerndere Komponist von beiden, manchmal unangenehm hochtrabend, manchmal köstlich verführerisch. Ein russischer Kosmopolit mit einem Dutzend Seelen in seiner Brust. Prokofievs Sechste ist eine Sinfonie voller reißerischer Widersprüche, voller unergründlicher Rätsel und Seltsamkeiten. Entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg, angesiedelt zwischen Triumph und Wut, Trauer und Andacht. Gergiev formt die komplexen Klangmassen mit emphatischen Gebärden.