Theater

Überdreht und hinterlistig

Ingolf Lück spielt in „Seite Eins“ den Boulevardjournalisten, als wäre er selber einer

Boulevardjournalist Marco ist ein Gewinnertyp. Einer, der seinen Job aus Überzeugung macht. Schon sein Gang und das stylische Outfit symbolisieren Erfolg und Selbstbewusstsein. „Sympathisch“ will er gar nicht sein. „Sympathisch – das ist so was von 90er-Jahren, wie ‚Illustrierte‘ oder ‚Dauerlauf‘“, spottet er.

Gespielt wird Marco im Theaterstück „Seite Eins“ (Autor: Johannes Kram) von Ingolf Lück. Er ist immer auf der Suche nach der nächsten heißen Promi-Story. Da kommt ihm die junge Lea gerade recht. Sie braucht Publicity für ihr Debütalbum, er will gegen ihren Willen eine Exklusivgeschichte von ihr und ihrem neuen Freund. Marco tritt mit Lea in den (fernmündlichen) Zweikampf, pokert hoch, blüfft – und gewinnt, am Ende hat er das Pärchenfoto und bekommt die Seite 1 für den „Industrieerben“ und das „Partygirl“.

Ingolf Lück, bekannt durch die „Wochenshow“ auf Sat1, steht das ganze Stück alleine auf der Bühne, spricht nur via Smartphone mit Informanten und alten Kumpels, die ihm „noch was schuldig sind“ – und eben Lea. Je nachdem, wie es die Situation erfordert, ist er mal der Besänftiger, mal der Angreifer. Perfekt gibt Lück den überdrehten, gewitzten und hinterlistigen Boulevardjournalisten, der alles für seine nächste Schlagzeile tun würde. Mal umschmeichelt er Lea am Telefon, in der nächsten Sekunde brüllt er sie wieder an.

Als dann herauskommt, dass Leas Freund gar kein Industrieerbe ist, müsste es für ihn eigentlich aus und vorbei sein. Stattdessen läuft Marco erst recht zu großer Form auf. Einer wie er verliert nicht.

In die vordergründig lustige Geschichte wirft Marco diverse gesellschaftliche Fragen ein. Schule heute? Für ihn pure Gleichmacherei, keiner darf mehr schlecht sein. Geschlechtsspezifische Unterschiede? Darf es auch nicht mehr geben, „Männer bekommen zwar keine Kinder, aber wir tun so, als ob“. Die Leute täten seriös, klickten aber Schlagzeilen an wie „150-Kilo-Oma springt in leeren Pool“ oder „süße Katze verschluckt Handy und vibriert bei jedem Anruf“. Das Publikum freut sich.

Abfällig äußert er sich über „seriöse“ Zeitungen: Ob Bahn-Selbstmörder oder arabische Jugendgangs – die Wahrheit werde dort doch verschwiegen – aus Angst, sie rufe Nachahmer auf den Plan oder wirke ausländerfeindlich.

Ingolf Lück alias Marco mag ein Angeber sein, ein Lautsprecher, ein Dummkopf ist er nicht. Er macht sich über die Verwendung des vermeintlichen Jugend-Wortes „cool“ lustig. Und komisch ist er, wenn er komplett übertrieben mit seinem Erfolg prahlt. Vom ruhigen zum überdrehten Journalisten und wieder zurück fühlt er sich gut in seiner Rolle als Boulevardjournalist ein. Jeder, der Satire versteht, ist als Zuschauer schon qualifiziert für „Seite Eins“.

Tipi am Kanzleramt, Große Querallee, 5. bis 8. März, 20 Uhr.