Ausstellung

Ein Kaugummi in höheren Sphären

Gerd Rohlings wunderbare alchemistische Verwandlungen von Müll

Vor rund 20 Jahren sah man in New York einen Mann auf dem Trottoir knien und mit einem Spachtel akribisch Kaugummis abkratzen. Ein Polizist fragte ihn, was er denn da tue. „Ich liebe Ihre Stadt“, war die Antwort. „Noch schöner wäre sie, wenn sie sauberer wäre. Also schaffe ich Ordnung.“ Damit gab sich der Polizist zufrieden, nicht ahnend, dass er damit Teil eines Kunstprojektes des Berliner Künstlers Gerd Rohling wurde, der die Situation auf Polaroids festhielt. Der Endpunkt des Kaugummi-Projektes ist nun in der Galerie Contemporary Fine Arts zu sehen (CFA).

Recycling der besonderen Art

Gerd Rohling wäre nicht Gerd Rohling, wenn er die Kaugummis nur abgekratzt und nicht wieder etwas Neues daraus gemacht hätte. Sein Verfahren ist das Recycling der besonderen Art. Aus Schrott und Müll, vieles gefunden auf einem Schrottplatz im Wedding, entstehen bei ihm schöne Illusionswelten, wie die vermeintlich antiken Gefäße, die vor einigen Jahren, edel in einer Vitrine aufgestellt und erhaben beleuchtet, im Hamburger Bahnhof Aufsehen erregten. Das, was wie feinstes Glas und wertvollster Alabaster daherkam, war in Wirklichkeit Plastikmüll, den der vielgereiste Künstler in Neapel gefunden hatte. Ein ausgedienter Schraubenzieher wird zum rubinrot glitzernden Griff, der bläuliche Hals einer Plastikflasche Bestandteil einer filigranen Vase, ein alter Kanister mit Schmutzspuren zum Boden einer fein schimmernden Schale. „Wasser und Wein“ hieß die Installation und demonstrierte auf herrlichste Weise die alchemistische Verwandlung des Profanen in den schönen Schein der Kunst. Insofern war es nicht verwunderlich, dass auch die abgekratzten Kaugummis ein vielfältiges Eigenleben im Werk Gerd Rohlings entwickeln würden. Ein paar Jahre, nachdem er die Masse vom Trottoir gekratzt hatte, verpackte er die alten Kaugummireste und legte sie – in buntes Cellophanpapier gewickelt – wieder auf die Straße, unter anderem auch vor das berühmte Juweliergeschäft Tiffany’s. Passanten, die auf das bunte Glitzern des Papiers hereingefallen waren, dürften nach Entdeckung des Inhalts wenig erfreut gewesen sein. „Sweet“ and „sour“ bezeichnet der 68-jährige Künstler diese Erfahrung und nennt so auch seine neue Collagenserie auf alten Druckplatten, in welcher Kaugummis viele delikate Situationen provozieren, klebende Schuhe, schwarze Flecke und buntes Cellophan.

Seine letzte Serie bei CFA heißt „Süße Seelen“. Der Kaugummi in höheren Sphären. Und tatsächlich gelingt Gerd Rohling mit seinen Gemälden, denen wie bei einem Lichtkasten in einiger Entfernung durchsichtige Polyesterplatten aufgesetzt sind, eine eigenwillige Transparenz. Unglaublich, wie nonchalant er mit Kunst und Alltag, mit Weggeworfenem und Edlem, mit Profanem und Heiligem jongliert.

Contemporary Fine Arts(CFA), Am Kupfergraben 10, Mitte. Di–Fr 10–18 Uhr, Sa 11–18 Uhr. Bis 14. März