Konzert

Verhinderter Engel

Höhen und Tiefen: Michelles Show im Friedrichstadt-Palast zeigt, dass sie weiß, wovon sie singt

Den Anfang macht ein Anheizer. Der heißt Mike, und er bedeutet dem Publikum, dass es sich bei dem heutigen Michelle-Konzert um keine gewöhnliche Show handelt. Im Gegenteil: Michelles „Die Ultimative Best of“-Tour wird aufgezeichnet – und alle im Publikum kommen mit auf den Film. Dann gibt es Applaus vom Publikum, Applaus für Michelle, die schon hinter der Bühne wartet. Mit 17 Jahren begann Michelle zu singen. Kristina Bach (die Frau, die Helene Fischers Übersong „Atemlos“ geschrieben hat) hat sie entdeckt. Schnell sang sich die zierliche Michelle mit „Und heut’ Nacht will ich tanzen“ in die Höhen des Schlagerzirkus, wo Verkaufszahlen und Einschaltquoten zum Erfolg gehören.

Zwei Jahrzehnte später kann man Michelle auf der dunklen Bühne des Friedrichstadt-Palastes schon erahnen. Dann geht der Spot an. Im Lichtkegel zeichnet sich die Sängerin auf einer weißen Felldecke ab. Auf ihren Rücken sind Flügel geschnallt, die abfallen, als sie aufsteht, was den Verlauf des Abends noch durcheinanderbringen wird. Michelle steht da, in einem weißen Zweiteiler, der von einem goldenen Reißverschluss durchzogen wird. „Am Ende siegt immer die Liebe“, singt sie, und das Publikum klatscht und jubelt, ganz und gar freiwillig und nicht etwa wegen der Aufzeichnung.

Bei der Sängerin Michelle kann man davon ausgehen, dass sie weiß, wovon sie singt. Schließlich hat sie fast alles durchlebt, was jemals in einem Schlager thematisiert worden ist: Erfolg, Glück, Stress, Insolvenz, Liebesaus, bittere Trennungen, schwere Zusammenbrüche. Die Frau scheint mit dem Schlager eine Personalunion eingegangen zu sein. Michelle war bereits blond und brünett, gesträhnt mit frechem Kurzhaarschnitt, verrucht hochtoupiert, mit bravem Pferdeschwanz oder wilder Wallemähne. Heute trägt sie kurzes, wild gegeltes Aschblond. Auch beruflich gab es einige Stationen, von der Bühne ging es bis in den Hundesalon. Föhnen, waschen, schneiden und im Radio trällern zu den Hits. Am Ende reichte es ihr doch nicht. Michelle kann nicht ohne die große Bühne, ihren Abschied hat sie schon oft angekündigt – durchgehalten hat sie die Bühnenabstinenz nie.

„Die Ultimative Best-of-Show“ heißt der Abend. Im Gegensatz zu den Kolleginnen Andrea Berg und Helene Fischer ist Michelle bereits dabei, ihr Lebenswerk zu besingen. Dabei enthält die Platte auch sieben neue Songs, geschrieben von Ex-Rosenstolz-Mann Peter Plate. Den Refrain von „Puls“ singen viele im Publikum mit. Das Michelle-Erlebnis ist eine Gala der Gefühle – einmal durch das ganze Schlageruniversum.

Vor dem ersten Kostümwechsel kommt Anheizer Mike erneut auf die Bühne. Er verkündet der Sängerin und dem Publikum, dass der Eingangsauftritt und ein Publikums-Selfie für die DVD-Aufzeichnung wiederholt werden müssen. Also tut Michelle so, als würde sie nochmals das Konzert beginnen, setzt sich auf die Felldecke, singt „Am Ende siegt immer die Liebe“ – und dieses Mal halten die Flügel tatsächlich.