Kunst

Kapital von Marx

Erich Marx zahlte Millionen dafür: Das Schlüsselwerk von Beuys soll Sammlung der Nationalgalerie künftig aufwerten

„Jetzt sind Sozialismus und Kapital vereint“, scherzt Klaus Staeck, Akademie-Präsident und Beuys-Kenner. Kräftig schüttelt er die Hand des Großsammlers Erich Marx. Solche Witzchen sind ganz nach seiner Art. Politik, Geld und Kunst sind hier irgendwie eins. Der mittlerweile schon 94-jährige Berliner Unternehmer hat ordentlich „Kapital“ gekauft. Für jene raumgreifende Installation „Das Kapital Raum 1970-1977“ musste er eine nicht „kleine, zweistellige Millionensumme“ aufbringen, um das Schlüsselwerk für die Nationalgalerie als Dauerleihgabe zu erwerben. Es stammt von Joseph Beuys, der es stets verstand, der Republik ordentlich einzuheizen, wenn es um gesellschaftspolitische Fragen ging. Er, der Aktionskünstler, der gerne aneckte, stellte viele Fragen. Fragen, die heute durchaus wieder aktuell sind.

Kein Zufall, dass Mäzen Erich Marx diese Zuwendung gerade zum jetzigen Zeitpunkt tätigt, findet Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Die Entscheidung für das Museum des 20. Jahrhunderts, das am Potsdamer Platz gebaut werden soll, entfalte nun eine Art „Sogwirkung“, glaubt sie. Erfolg ziehe Gaben nach sich, so Grütters. Tatsächlich gewinnt die Sammlung der Nationalgalerie mit dieser großen Arbeit noch einmal mehr an Zugkraft. „Eine außerordentliche, zentrale und politische Arbeit, die hier in der Hauptstadt eine eminente Wirkung entfalten wird“, meint Eugen Blume, Leiter des Hamburger Bahnhofes und ausgewiesener Beuys-Experte.

Zentrales Werk mit Flügel

Beuys ist einer der Vorzeigekünstler in der Sammlung der Nationalgalerie – Arbeiten wie „Richtkräfte für eine neue Gesellschaft“, „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ oder „Straßenbahnhaltestelle“ gehören in den prominenten Bestand des Museums. Ohne das Engagement des scheuen Privatsammlers hätte die Abteilung für Gegenwartskunst im Hamburger Bahnhof 1996 schon gar nicht eröffnet werden können. Werke von Anselm Kiefer, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein, Andy Warhol, alles aus dem Besitz Marx’.

Symbolträchtig ist an diesem Morgen auch die Position des Podiums und dessen Bestuhlung. Die Teilnehmer der Pressekonferenz in der Neuen Nationalgalerie schauen alle in Richtung Matthäikirchplatz und die Fläche daneben. Jener Platz, wo das „Gebäude der Begierde“ hoffentlich bald einmal stehen wird.

Jedenfalls, so Monika Grütters, gingen die Planungen gut voran. Mit allen drei Eigentümern des Areals sei man derzeit in „guten und konstruktiven Gesprächen“. In „absehbarer Zeit“ würde dann eine Entscheidung fallen. Im Sommer? „Das kann schneller gehen“, so Stiftungspräsident Hermann Parzinger. Endgültig soll „Das Kapital“ in diesem Museum der Moderne seinen Platz finden. 2020 wäre ein Topdatum, pünktlich zum 40. Geburtstag. Ob dann das Museum allerdings fertig ist, ist fraglich. Aber die Idee ist gut. Vorerst wird es 2016 erst einmal „testweise“ im Hamburger Bahnhof ausgestellt – im Rahmen einer Schau „Das Kapital“.

Beuys (1921–1986) installierte das Werk 1984 zur Eröffnung der Hallen für Neue Kunst im schweizerischen Schaffhausen, wo es drei Jahrzehnte zu sehen waren. Ursprünglich hatte es der Mann mit dem Filzhut 1980 für die Biennale in Venedig entwickelt. Für Eugen Blume ist die Installation ein stillgelegter Aktionsraum: die acht Meter hohen Wänden sind mit bemalten Schiefertafeln versehen, es gibt einen schwarzen Flügel, einen Projektor, eine Zinkwanne und andere Requisiten, die Beuys in anderen Performances verwendete. Ein sprödes Objektmonster, voller Chiffren, das wahrscheinlich auch heute mehr Fragen stellt als beantwortet.

Und dazu ein Werk mit Geschichte: Nach diversen Meinungsverschiedenheiten über die Ausrichtung des Schweizer Museums erhoben drei beteiligte Kunstsammler 2004 Anspruch darauf. Es folgte eine mehrjährige juristische Auseinandersetzung. Das Gericht sprach allen dreien das Eigentum zu. Die Stiftung allerdings meldete Konkurs an, das beliebte Museum musste 2014 schließen.

Immerhin verständigten sich die Beteiligten darauf, das Werk verkaufen zu wollen, wenn es in ein Museum komme, so erzählt es Marx. Es sollte kein Spekulationsobjekt auf dem Kunstmarkt werden. Ein Beirat hätte Berlin dann als „richtigen Standort“ empfohlen. Museen wie das renommierte Metropolitan in New York äußerten offenbar auch Kaufwünsche.

2016 erste Ausstellung

Auch die in Urheberrechtsfragen ziemlich gestrenge Witwe Eva Beuys konnte offenbar überzeugt werden, dass „Das Kapital“ ohne inhaltlichen Schaden an neuem Ort wieder aufgestellt werden kann. Hinzu kommt, dass Heiner Bastian, langjähriger Beuys-Sekretär, der auch die Marx-Sammlung mit aufbaute, über alle Unterlagen zum Verkauf und Aufbau verfügt. Diese Dokumente möchte er nun dem Museum zur Verfügung stellen.

Übrigens kannten sich Marx und Beuys gut, beide Jahrgang 1921, beide waren im Krieg, beide bei der Luftwaffe, erzählt Marx. Es gab Zeiten, da unterstützte Marx den extrovertierten Künstler, „Künstler brauchen immer Geld“. Mit dem „Kapital“ will der scheue Mäzen seine Sammlertätigkeit endgültig abschließen, aber das sagen passionierte Sammler ja oft. Es kommt dann immer anders.