Musik

„Ich fühle mich nicht wohl als Rampensau“

| Lesedauer: 9 Minuten

Noel Gallagher kommt für ein Konzert nach Berlin. Ein Gespräch über Oasis und warum Apple die Jugendkultur zerstört

Für seine Sprüche ist Noel Gallagher berühmt. Gerade hat der frühere Gitarrist und Chef von Oasis, der mit seiner neuen Band Noel Gallagher’s High Flying Birds jetzt sein zweites Album „Chasing Yesterday“ seit dem großen Trennungsdrama mit Bruder Liam veröffentlicht, behauptet, er würde lieber Benzin direkt aus dem Zapfhahn trinken, als sich ein Interview mit dem Langweiler Alex Turner von den Arctic Monkeys durchzulesen. Und was Oasis angeht, sagte der 47-jährige Brite, für 20 Millionen Pfund würde er das Comeback machen. Unser Treffen findet im „Hotel Zoo“ am Kurfürstendamm statt, am 16. März wird Gallagher dann in der Max-Schmeling-Halle auftreten.

Berliner Morgenpost:

Hand aufs Herz: Wie geht es denn nun mit Oasis weiter?

Noel Gallagher:

Gar nicht. Es ist nicht realistisch, dass wir wieder zusammenkommen. Ich denke, das würde nicht funktionieren. Scheint vorbei zu sein.

Das neue Album heißt „Chasing Yesterday“. Wie oft jammern Sie der eigenen Vergangenheit hinterher?

Ach, gar nicht, das ist doch blöd. Ich blicke nicht wehmütig zurück auf meine glorreichen Jahre. Wie stellen Sie sich das vor? Dass ich den ganzen Tag am offenen Fenster sitze, traurig rausgucke und denke: „Mensch, Britpop, was war das doch für eine tolle Zeit“?

Eine tolle Zeit war es ja wirklich.

War es auch. Es war fantastisch, keine Frage. Die Jahre, in denen ich mit Oasis quasi die Welt regierte, waren überwältigend und toll, ein gewaltiges Erlebnis. Aber das ist vorbei. Das Album, das ich jetzt rausbringe, ist meiner bescheidenen Meinung nach besser als „Definitely Maybe“ und besser als „(What’s the Story) Morning Glory“.

Ob die Leute, die nicht Noel Gallagher sind, das auch so sehen?

Bestimmt nicht. Ich werde von „Chasing Yesterday“ viel weniger Platten verkaufen, und es wird viel weniger Menschen geben, die dieses Album so lieben werden wie „Definitely Maybe“. Die Songs werden auch sicher nicht solch einen gesellschaftlichen und kulturellen Donnerhall verursachen wie „Don’t look back in Anger“ oder „Wonderwall“. Aber ich finde trotzdem: Die neue Platte ist besser! Und außerdem: Die alten Songs gehen ja nicht weg.

Man wartet schon recht lange auf ein ähnliches kulturelles Erdbeben wie Britpop vor 20 Jahren eines war. Warum passiert nichts?

Es sieht tatsächlich so aus, als sei Britpop die letzte große Sache gewesen, auf die alle standen oder zu der alle eine Meinung hatten. Kurz darauf kamen Mobiltelefone und das Internet. Apple hat die ganze Welt zerstört und ist schuld daran, dass so etwas wie Jugendkultur gar nicht mehr existiert.

Die Apple-Jungs würden sagen, sie sind die Jugendkultur.

Das ist ja das Problem. Apple ist der Treiber der Jugendkultur. Das ist ganz großer Mist. Denn die Jugend sollte die Jugendkultur antreiben, und nicht ein Haufen konservativer Amerikaner in den mittleren Jahren, die denken: „Hey, wäre es nicht cool, wenn wir dieses oder jenes machten?“ Nein, ist nicht cool.

Käme ein Deal, wie U2 ihn mit Apple gemacht hat, für Sie infrage?

Nein. Auf so eine Idee würde ich nicht kommen.

Mobiltelefone machen also alles kaputt?

Wir leben in einer Welt der Widersprüche. Das Handy ist das Fenster zu allem möglichen Schwachsinn, aber ich kann hier und jetzt sofort meine 15-jährige Tochter erreichen und sie fragen, wie es ihr geht. Ich kann im Internet lernen, eine Bombe zu bauen. Aber wenn irgendwo auf der Welt ein Genozid geschieht, dann bekomme ich das im Gegensatz zu früher auch schnell mit und kann was dagegen tun.

Streiten Sie mit Ihrer Tochter über die Handynutzung?

Manchmal hätte ich Lust dazu, sie anzuschreien oder es ihr wegzunehmen. Aber dann würde ich mich schämen und wie ein verbitterter alter Opa rüberkommen, also lasse ich es. „Pack das Handy weg und hör endlich die Beatles!“ Ja, eine schöne und unrealistische Vorstellung.

Erzählen Sie der Tochter von früher?

Meiner Tochter ist es scheißegal, was ihre Eltern früher erlebt haben. Unsere Generation kommt damit nicht gut zurecht. Wir kommen aus der alten Welt und leben jetzt in der neuen Welt. 15-jährige Kids interessiert es einen Dreck, dass wir früher in Plattenläden gingen, sie kennen so etwas gar nicht mehr.

Als vor drei Jahren Ihr erstes Soloalbum erschien, haben Sie gesagt, dass es Ihnen schwerfällt, plötzlich der Frontmann zu sein. Haben Sie sich an die Rolle gewöhnt?

Geht so. Wahnsinnig wohl fühle ich mich als Rampensau immer noch nicht, aber ich muss wohl ganz gut gewesen sein. Jedenfalls waren die Karten meiner kommenden Tour in zehn Minuten ausverkauft. Ich will einfach meine Songs zu den Leuten bringen. Ob ich jetzt ein guter Frontmann bin, oder ob es bessere Frontmänner gibt, darüber denke ich schon lange nicht mehr nach.

Ein zweites Gallagher-Album nach dem Zerwürfnis mit Liam ist schon einfacher als das erste Gallagher-Album?

Okay, die Begleitumstände waren weniger aufregend als vor drei Jahren. Und die Arbeit hat mehr Spaß gemacht. Aber sie war ganz sicher nicht entspannter, und ich habe mich auch nicht zurückgelehnt oder so. Ich war erleichtert, als ich damals merkte, dass ich noch ein Publikum habe, dass sich also Menschen für die Musik von Noel Gallagher ohne Oasis interessieren. Die Liebe der Leute hat mich ermutigt. Das erste Album hat alle meine Hoffnungen und Erwartungen klar übertroffen. Der Erfolg hat mich angespornt.

Zu was?

Eine noch bessere Platte zu machen. Das Debüt klang sehr glatt und irgendwie amerikanisch, das neue Album ist britischer, dreckiger und hat mehr Tiefe.

Manche Stücke wie „Lock All the Doors“ klingen vertraut und deutlich nach Oasis?

Das ist doch normal. Ich habe eine Vollbremsung hingelegt am Ende von Oasis, und danach fuhr ich langsam wieder an. Ich schreibe ja auch immer noch so, wie ich schreibe. Doch es gibt auch Songs, die sind ewig weit weg von Oasis. „Riverman“ zum Beispiel.

In der Nummer kommt sogar ein Saxofon vor.

Ja, unglaublich, oder? Ein Saxofon! Und es hört sich geil an. So etwas machst du, wenn du Selbstvertrauen hast als Songschreiber und Produzent. Da mein Stammproduzent Dave Sardy mir diesmal ohne Begründung abgesagt hatte, musste ich das Album notgedrungen selbst produzieren. Auf dem Album gibt es so viele Stellen, die Sardy überarbeitet hätte, aber ich sagte mir: „Fuck it, das bleibt drin.“

Auf „Ballad of the Mighty I“ haben Sie einen prominenten Gast: Den Ex-Smiths-Gitarristen Johnny Marr.

Johnny ist einer meiner ganz großen Helden. Wir haben erst fünf Stunden über unsere Liebe zur Musik gelabert und dann ganz schnell die Nummer eingespielt.

Verfolgen Sie eigentlich das aktuelle Musikgeschehen?

Ich bin einigermaßen im Bilde, ohne den kompletten Überblick zu haben. Wenn die Mädchen in meiner Plattenfirma meinen, ich müsste irgendwas unbedingt hören, dann geben sie mir die CD. Aber an die Klassiker kommt ja sowieso nichts ran.

„The Girl with X-Ray Eyes“ ist eine Liebeserklärung an Ihre Frau. Wie findet sie das Lied?

Ich habe sie gar nicht nach ihrer Meinung gefragt. Meistens sagt sie sowieso nur: „Ja, ja, guter Song, Noel.“

Braucht eine Frau denn Röntgenaugen, um Sie zu durchschauen?

Sara ist viel schlauer als ich, sie hat mich sehr früh durchschaut und zum Beispiel erkannt, dass ich alles andere als so ein Machotyp bin. Und ich sage mal so: Wenn du 15 Jahre mit einer Frau zusammen bist, muss sich niemand mehr verstecken oder dem anderen etwas vorspielen. Bringt doch sowieso nichts.

Album „Chasing Yesterday“ (Indigo), erscheint am 27.2.

Konzert Max-Schmeling-Halle am 16.3.