Auszeichnung

Vier Oscars für Babelsberg

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Allzu glatte Show, klare politische Töne und ein Moderator in Unterwäsche: die Höhen und Tiefen der Oscar-Verleihung

Illusionen hat er sich keine gemacht. Wim Wenders war zwar schon zum dritten Mal für einen Oscar nominiert, aber „wir gewinnen sowieso nicht“, hat er von Anfang an bekundet. Diese Einstellung hat ihm in der Nacht zu Montag bei der 87. Oscarverleihung eine erneute Enttäuschung erspart. Denn der Oscar für den besten Dokumentarfilm ging nicht an sein „Salz der Erde“, sondern an den Edward-Snowden-Film „Citizenfour“ von Laura Poitras. Quasi an Nachbarn. Poitras ist zwar Amerikanerin, lebt aber in Berlin, ihr Werk wurde produziert von den Berliner Produzenten Dirk Wulitzky und Mathilde Bonnefoy.

Dass die Academy of Motion Picture Arts and Sciences diesen Film ausgezeichnet hat, ist ein starkes Statement, gilt doch der Whistleblower Snowden in den USA immer noch weithin als „Verräter“. Poitras holte sich ihren Oscar selber ab, auch das war nicht selbstverständlich. Lebt sie doch in Berlin, weil ihr das Leben in ihrer Heimat schwer gemacht wurde. Sie sorgte für klare politische Töne, als sie nochmals betonte, dass die NSA-Machenschaften die Demokratie gefährdeten.

Duell „Birdman“ gegen „Boyhood“

Studio Babelsberg hat sich, im Gegensatz zu Wim Wenders, schon ein paar Illusionen gemacht. Die Studiochefs Carl Woebcken und Christoph Fisser waren nach Hollywood gereist, um für „Grand Budapest Hotel“ mitzufiebern. Wes Andersons Komödie wurde komplett in Deutschland gedreht, und Babelsberg hat nicht nur die Kulissen gestellt, sondern den Film auch mitproduziert. Aber trotz der vielen Nominierungen waren es am Ende, wie so oft bei Komödien, dann doch nur Nebenpreise, die der Film einheimsen konnte. Dennoch bekräftigte Fisser, diese Preise seien „auch eine Auszeichnung für den Filmproduktionsstandort Deutschland“. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke stimmte ihm daheim zu: „Der international wichtigste Filmpreis adelt die Handwerkskunst von Studio Babelsberg. Und dessen internationales Renommee als Filmschmiede wächst weiter.“

Auf weiten Strecken blieb diese Oscarverleihung überraschungsfrei. Vor allem die Darstellersparten schienen bei der vorangegangenen Award-Saison abgesteckt: J.K. Simmons bester Nebendarsteller für „Whiplash“, Patricia Arquette beste Nebendarstellerin für „Boyhood“, Eddie Redmayne bester Schauspieler als an ALS leidender Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ und Julianne Moore beste Schauspielerin als Alzheimerkranke in „Still Alice“. Alles verdient, aber absehbar.

Spannend blieb lediglich das Duell zwischen „Boyhood“ und „Birdman“, Richard Linklaters in der Filmgeschichte einmaliges Projekt, ein über zwölf Jahre hinweg gedrehtes Porträt einer Jugend, und Alejandro González Iñárritus brillant-ätzende Satire über die Abgründe des Showbusiness und damit irgendwie auch über Hollywood. Bei den Golden Globes und ersten anderen Filmpreisen war „Boyhood“ klar an Birdman vorbeigezogen, aber bei den Preisen der Produzenten-, Regie- und Schauspielervereinigungen hatte „Birdman“ zuletzt wieder Boden gewonnen. Nun, beim Oscar, hat sich die Globe-Lage geradezu verkehrt.

Es blieb bei dem Oscar für Patricia Arquette, ansonsten ging „Boyhood“ leer aus. Bei sechs Nominierungen eine arge Schlappe. Immer wieder kam dafür Iñárritu auf die Bühne, für das Drehbuch, die Regie, am Ende auch für den Besten Film. Eine vierte Auszeichnung gab es noch für die Musik. Genauso viele Oscars wie „Grand Budapest Hotel“, aber in den wichtigeren Sparten. In anderen Jahren wären „Boyhood“ und „Birdman“ einsame Monolithen gewesen. Pech, dass sie in einem so starken Jahr aufeinanderprallten.

Neil Patrick Harris, der zum ersten Mal den Oscar moderierte, brillierte anfangs mit einem spektakulären Musical-Opening. Später machte sich der „How I Met Your Mother“-Star nackig – wie Michael Keaton in „Birdman“. Aber ansonsten blieb seine Show zu glatt, zu nett. Das berühmte All-Star-Selfie, mit dem Ellen DeGeneres 2014 das Internet lahmlegte, konnte er nicht toppen. Stattdessen riss er ein paar müde Gags, die klar nach hinten losgingen. Vor der Verleihung hatte es Vorwürfe gegeben, dass Hollywood noch immer weiß dominiert sei, weshalb er kokett „the whitest … äh … brightest stars“ von Hollywood begrüßte. Bei „Citizenfour“ witzelte er, dass Snowden „for some treason“ nicht dabei sein könne. Auch im übertragenen Sinne ließ Harris da die Hose runter.

Dennoch gab es ein paar kämpferische Momente. Nicht von den Veranstaltern, aber von den Gewinnern. Nicht nur im Fall von Snowden. Patricia Arquette klagte in ihrer Dankesrede für Frauen gleichen Lohn und gleiches Recht ein. Graham Moore, Drehbuchautor von „The Imitation Game“, forderte alle auf, die sich anders fühlen als die anderen, nicht zu verzweifeln, sondern eben darauf stolz zu sein. Und die Afroamerikaner John Legend und Lonnie Lynn, die für den besten Song ausgezeichnet wurden, erinnerten an die Ungleichheit, die in den vergangenen Monaten schwarze Bürger zu Protestmärschen auf die Straße gebracht hatte.

Ja, die Filmbranche im Dolby Theatre gab sich als eine große, liberale Familie, die demonstrativ alle umarmt. So glatt die Show konzipiert war, war das doch ein schönes Zeichen. Gleichzeitig demonstrierte die Academy mit einer penetranten Schleichwerbung aber auch, wie käuflich sie ist: Es gab nicht nur Gold-Oscars, sondern auch – „Lego – The Movie“ war ja ebenfalls nominiert – Oscars aus Lego.