Interview

„Berlin ist immer wie eine Heimkehr“

Auf ihrem neuen Album „Oldschool“ singt Nena auch über die Stadt. Und kann sich vorstellen, wieder ganz hierherzuziehen

Sie ist fast 55 Jahre alt, seit über drei Jahrzehnten im Geschäft und trägt immer noch die gleichen Jeanswesten wie zu „99 Luftballons“-Zeiten. Nena, so sagt sie selbst, ist „Oldschool“. Da lag es nah, auch gleich das neue Album so zu nennen. Die Songs hat Nena mit Samy Deluxe erarbeitet, und das hört man. Mehr Electro, mehr HipHop, gelegentlich verfremdet die Produktion Nenas Stimme bis zur Unkenntlichkeit. Auch die Texte bieten eine große Palette von ausgelassen über besinnlich bis ziemlich albern. Wir unterhielten uns mit Nena im „Soho House“ in Berlin.

Berliner Morgenpost:

Nena, Sie machen im März eine Tournee durch wirklich kleine Clubs. Wieso das?

Nena:

Eine Oldschool-Clubtour passt perfekt zu meinem neuen Album. Ohne Firlefanz und großes Lichtspektakel auf die Bühne gehen und abrocken – das war mein Wunsch für diese Tour. Zu manchen Auftrittsorten habe ich auch einen persönlichen Bezug. Das Pelmke Kulturhaus in meiner Heimatstadt Hagen etwa war vor 48 Jahren meine Grundschule. Oder das SO36 in Berlin, da habe ich 1979 mal schräg gegenüber gewohnt ... Das sind alles Gründe, diese Shows zu spielen. Eine Clubtour ist finanziell ein großer Aufwand, aber das ist es mir auf jeden Fall wert.

Geld verdienen müssen Sie ja vermutlich nicht mehr.

Doch, natürlich muss auch ich Geld verdienen. Was rein kommt, geht auch gleich wieder raus. Das landet nicht auf einem Sparkonto, sondern fließt in unsere Projekte wie die Schule, die es jetzt schon seit sieben Jahren gibt.

Als Sie Anfang der 80er-Jahre von Hagen nach Berlin zogen, lebten Sie in der Oranienstraße in Kreuzberg. Kennen Sie das SO36 noch von früher?

Klar, das sind ja praktisch meine Ex-Nachbarn. Und ich habe in den 80ern dort viele coole Bands gesehen. Zu meiner Anfangszeit in Berlin war ich Riesen-Blondie-Fan, das bin ich bis heute.

Ihr neues Lied „Betonblock“ handelt auch von Berlin?

Ja, ein immer wiederkehrendes Bild ist für mich der Potsdamer Platz. Und wie es dort aussah, als ich 1979 zum ersten Mal da stand und Jim Rakete die ersten Fotos von mir gemacht hat. Im Schatten der Mauer und des Hansa-Studios. Was anderes gab es damals nicht. Heute stehen da Betonblöcke rum und füllen den Platz. Nichts erinnert mehr an den endlos weiten Himmel von damals. Irgendwie muss ich bei dem Anblick auch manchmal an die Betonblöcke in unseren Köpfen denken.

Jetzt leben Sie seit über 20 Jahren am Rande Hamburgs.

Ja, das Leben am Stadtrand, als fließender Übergang, bevor wir irgendwann ganz aufs Land ziehen ... (lacht) Seit ich Kinder habe, bin ich einfach nicht mehr so der Stadtmensch. Kinder, Hunde, Fahrradfahren, das geht da einfach besser. Ich bin ja beruflich häufig in Großstädten unterwegs, am liebsten in Berlin, aber wenn ich zu Hause bin, vermisse ich das überhaupt nicht.

Könnten Sie sich vorstellen, wieder nach Berlin zu ziehen?

Wenn ich nach Berlin komme, fühlt es sich jedes Mal an wie eine Heimkehr. Aber ich habe ziemlich den Anschluss verpasst und weiß gar nicht mehr, was hier abgeht. Neulich habe ich gedacht, es wär’ doch cool, mal mit meinem Mann für ein Jahr in Berlin abzutauchen. Eine kleine Wohnung zu mieten und die Stadt ganz neu zu entdecken.

So an den Wochenenden?

Wenn, dann ganz.

Ihre Kinder sind zwischen 17 und 24 Jahre alt, Ihre Zwillinge Larissa und Sakias haben schon selbst Nachwuchs. Wie ist das, wenn einer nach dem anderen auszieht?

Auf jeden Fall eine Erfahrung, die ich mir so nicht vorgestellt habe. Bis auf meinen jüngsten Sohn, der 17 ist, sind jetzt alle aus dem Haus und leben in ihren eigenen Universen. Das Schöne ist aber, dass wir alle fast täglich miteinander zu tun haben.

Wie haben Sie sich das Loslassen denn vorgestellt?

Gar nicht. Als meine Tochter dann mit 17 als Erste ihr Köfferchen packte, war das eine einschneidende Erfahrung. Als junge Mutter habe ich nie darüber nachgedacht, wie es sein wird, wenn die Kinder mal groß sind und ihre eigenen Wege gehen. Aber wenn es dann so weit ist, kann dich das ganz schön umhauen. Das sind tiefe Lebenserfahrungen.

Wie alt waren Sie, als Sie von zu Hause auszogen?

Interessanterweise auch 17. Da gibt es Parallelen. (lacht)

Ihr Sohn Sakias singt mit Ihnen zusammen das Lied „Peter Pan“. Wiederholt sich da auch was?

Ich habe ihn gefragt, und er hatte Lust. Umgekehrt, wenn Projekte meiner Kinder anstehen und ich habe darauf Lust, unterstütze ich die auch. Wir haben viele Schnittstellen und arbeiten gern zusammen. Haupttreffpunkt ist unser Haus, der Ort, wo wir alle zusammen aufgewachsen sind, wo es ein Tonstudio gibt und jede Menge Möglichkeiten, sich kreativ auszuleben. Hier trifft man sich, egal, ob ich da bin oder nicht. Eine Art Open House.

Also spielen in Ihrer Band aktuell Tochter Larissa, Sohn Sakias und Sohn Simeon.

Richtig. Und ich habe sie nicht dazu gezwungen ... Meine Zwillinge haben schon seit ein paar Jahren einen Job als Background-Sänger in meiner Band und mein jüngster Sohn ersetzt diesmal einen meiner Keyboarder.

Was bedeutet „Oldschool“ für Sie?

Mein erstes Album ist seit 34 Jahren draußen. Das fühlt sich ziemlich oldschoolmäßig an, könnte aber auch gestern gewesen sein. Mein Verhältnis zur Zeit hat sich verändert. Oldschool ist inzwischen ein ganzheitliches Gefühl für mich, das alles miteinander verbindet. Es beschreibt auch den gegenwärtigen Zustand, in dem die Dinge mitschwingen, die man bereits erlebt hat. Früher wollte ich über Vergangenes nicht sprechen, weil ich dachte „Fall erledigt, abgehakt“. Heute ist mir die Vergangenheit stets willkommen.

Das Album „Oldschool(Sony Music) erscheint am 27. Februar.

Das Konzert 4.März, 19 Uhr, SO36, Oranienstr. 190, Kreuzberg.