Ermittlungen

Redakteur der „taz“ soll Kollegen ausspioniert haben

Journalist wird verdächtigt, Computer von Kollegen angezapft zu haben

Wenn die linksalternative Zeitung „taz“ die Polizei ins Haus lässt, muss etwas Gravierendes vorgefallen sein. Und tatsächlich: In der Nacht zum Donnerstag ist in der Redaktion eingebrochen worden. Die Belegschaft erfuhr in der Morgenkonferenz erstaunliche Details. Während die erste Tür zum Haus der Zeitung in Kreuzberg beschädigt war, habe es an der zweiten Tür keine Einbruchsspuren gegeben: Sie ist mit einem Code gesichert.

Es war die zweite schockierende Nachricht. Am Mittwochnachmittag waren die „taz“-Mitarbeiter per E-Mail zu einer außerordentlichen Redaktionskonferenz eingeladen worden. Dort eröffnete ihnen die Chefredakteurin Ines Pohl, die Computer in der Redaktion seien „angesaugt“ worden. An einem Rechner war ein sogenannter Keylogger gefunden worden. Dieses Gerät, das optisch einem USB-Stick ähnelt, zeichnet die Eingaben in die Tastatur auf.

So können beispielsweise Passwörter entwendet werden. In Deutschland ist die heimliche Verwendung von Keyloggern zum Ausspähen strafbar. Eine Analyse soll ergeben haben, dass die Daten mehrerer Mitarbeiter auf diese Weise ausgespäht wurden: Ressortleiter, Redakteure, ehemalige Redakteure, aber auch eine Volontärin und eine Praktikantin.

Der Angriff soll nicht von außen gekommen sein, sondern aus der Redaktion selbst. Die interne EDV will einen „taz“-Redakteur beim Ausspähen seiner Kollegen erwischt haben. So wurde es schon am Mittwoch intern von der Chefredaktion verkündet. Und es fiel auch der Name des Redakteurs – Sebastian Heiser. Der Journalist ist über die „taz“ hinaus bekannt: Er sorgt gerade mit seinen Enthüllungen über die „Süddeutsche Zeitung“ („SZ“) für Furore. Enthüllungen, die er auch mit heimlich mitgeschnittenen Gesprächen mit „SZ“-Journalisten belegt.

Mehrere Bitten um Stellungnahme ließ Heiser seit Donnerstag unbeantwortet. Bislang ist seine Täterschaft keineswegs erwiesen. Gegenüber der „taz“-Chefredaktion soll Heiser alle Anschuldigungen abgestritten und sich vehement als „unschuldig“ bezeichnet haben. Anders als in einem Blog berichtet wurde, hat ihm die „taz“ noch nicht gekündigt, sondern will ihn noch einmal in einem Gespräch anhören. Allerdings wurde ihm bereits Hausverbot erteilt. Das Fachblatt „Medium Magazin“ hatte Heiser zum Newcomer des Jahres 2010 gewählt. Die Jury lobte: „Außergewöhnlich und lobenswert ist seine selbstkritische journalistische Grundhaltung.“

Am Freitagmorgen traf sich die Chefredaktion mit der Geschäftsführung zur Krisensitzung. Bis dahin sollte auch klar sein, in welchem Umfang tatsächlich Daten gestohlen wurden. Obwohl die Vorwürfe gegen Heiser spätestens seit Mittwoch intern im Raum stehen, gibt es noch immer keine offizielle Erklärung. „Zu Interna aus der ,taz‘ äußere ich mich nicht“, ist die einzige Stellungnahme von Chefredakteurin Ines Pohl. Am kommenden Montag soll eine „taz“-interne Anhörung stattfinden, zu der der beschuldigte Mitarbeiter eingeladen ist.