Fernsehdebatte

„‚Beim RTL‘ sagen die Assis“

Gregor Gysi und Günther Jauch reden über Medien und Grammatik

Er habe keine Probleme, die Dinge hinter sich zu lassen, sagt Günther Jauch. „Aktuelles Sportstudio“, Champions League, „Stern-TV“ habe er moderiert, aber er blickt nicht reumütig zurück. „Mir geht das ähnlich“, sagt Gregor Gysi, eine Zustimmung, die Jauch überrascht: „Was geben Sie denn auf? Sie machen doch einfach immer noch immer.“ Gregor Gysi, vom Typus her ohnehin einer, der lieber die engste Verwandtschaft für immer vergrätzt, als sich einen Spruch zu verkneifen, zögert einen Moment und sagt: „Ich habe zum Beispiel mehr Ehefrauen, als Sie aufgegeben.“

Die beiden treffen am Donnerstagabend im Deutschen Theater aufeinander, „Gregor Gysi trifft Zeitgenossen“ heißt die Reihe, die normalerweise Sonntagvormittag stattfindet, aber da muss Günther Jauch seine Talkshow vorbereiten. Sie nehmen sich in Schlagfertigkeit kaum etwas, beide sind dauerpräsent im Fernsehen seit über 20 Jahren und nehmen auch Menschen für sich ein, die sonst wenig mit der Linken respektive Quizsendungen anfangen können.

Dementsprechend hoch sind die Erwartungen, das Deutsche Theater ist seit Wochen ausverkauft. Es wirkt, das gilt uneingeschränkt für die erste Stunde der 100 Minuten, jedoch mehr wie eine Neuauflage von „Das ist Ihr Leben“. Gregor Gysi, bewaffnet mit gefühlt zweitausend Karteikarten, fragt sein Gegenüber akribisch nach jeder Wendung seines Lebens. So erfahren die Zuschauer, dass er, bis er 30 war, keinen Alkohol getrunken hat. „Zwei Flaschen Florida-Boy“ habe er während des Oktoberfestes in München getrunken, erzählt Günter Jauch, dessen journalistische Karriere beim Bayerischen Rundfunk begann.

Er ist ein Frühstarter. Beim Rias hat er als Jugendlicher die Tickermeldung verteilt, er war der jüngste Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München, mit 25 Jahren berichtete er aus der damaligen Hauptstadt Bonn. Er ist ein Generalist, mit gleichen Interessen in Sport, Unterhaltung und Politik. Und er ist, darauf verweist er an diesem Abend, eine Ausnahme unter den Journalisten, die sich zumeist lieber spezialisieren.

Und er ist, im Gegensatz zu den meisten seiner TV-Kollegen, parteipolitisch nicht festgelegt. Mitte der 80er-Jahre war er als zweiter Moderator für das „Heute-Journal“ vorgesehen, doch das scheiterte daran, dass er zwar vom Bayerischen Rundfunk kam, aber trotzdem nicht konservativ genug war, um dem Parteienproporz zu genügen. Den Posten bekam dann Sigmund Gottlieb. Diese Geschichte wird manch einer schon einmal gehört haben. Überraschend an ihr ist, mit welcher Verärgerung, als sei ihm das erst heute widerfahren, er sie erzählt. Manche Dinge kann man dann doch nicht so einfach hinter sich lassen.

Gregor Gysi, das hat auch etwas Beruhigendes, ist in juristischen und politischen Fragen befähigter als in journalistischen. Da seine Zuneigung zu Karteikärtchen ein Tick zu obsessiv ist, verpasst er die Chancen nachzuhacken, wenn sich Günter Jauch für einen Moment öffnet. Dass ihn die Kritik an seinem Sonntagstalk trifft, ist augenscheinlich. Was er daraus lernt, inwiefern sie seine Arbeit beeinflusst, hätte man gern erfahren. Aber auch an diesem Abend hat man was gelernt. Gregor Gysi hat eine verblüffende Grammatikschwäche und sagt immer „beim RTL“. Irgendwann reicht es Günther Jauch. „Es heißt ‚bei RTL‘. ‚Beim RTL‘ sagen die Assis.“