Klassik-Kritik

Irgendwann verfällt auch das Orchester dem Starpianisten

Arcadi Volodos gastiert beim Konzerthausorchester Berlin

Was macht Arcadi Volodos eigentlich zum Weltklassepianisten? Sind es die hauchzarten Pianissimi, die dem Publikum wie aus himmlischen Sphären entgegenschimmern? Ist es die majestätische Leichtigkeit, mit der Volodos selbst felsigste Virtuosengebirge bezwingt? Eines steht fest: Brahms’ zweites Klavierkonzert op. 83 klingt unter seinen filigranen Pranken so verführerisch innig, dass ihm nicht nur das Publikum verfällt. Auch das Konzerthausorchester Berlin gerät von Satz zu Satz stärker in Volodos’ Bannkreis. Spannend zu hören, wie hier zwei grundverschiedene Brahms-Konzepte aufeinandertreffen.

Da ist zum einen der geschlossene, griffige Orchesterklang, den Chefdirigent Iván Fischer seinen Musikern von Beginn an verordnet hat. Und da ist Volodos’ frei atmender Klavierton voller genießerischer Schönheit. Erst im Andante des dritten Satzes lässt sich das Konzerthausorchester vollkommen auf den Solisten ein. Volodos führt nun, Iván Fischer zieht sich zurück. Pianist und Orchester lächeln sich melancholisch zu. Sie streicheln und liebkosen sich. Gerade diese spontanen kammermusikalischen Umarmungen sind es, die den langsamen Satz zum beglückenden Erlebnis machen.

Im tänzerischen Finale entdeckt Volodos dann erstaunlich viel Schubert – Momente beschaulich quellender Energien und munter fließender Flächigkeit. Die ungarisch gefärbten Passagen lässt sich der Ungar Iván Fischer erwartungsgemäß nicht entgehen. Der Dirigent dreht auf, zelebriert sie betont musikantisch. Volodos dagegen bleibt filigran bis zum Schluss. Äußerst feinsinnig holt er auch seine Zugabe aus den Tasten: Robert Schumanns „Vogel als Prophet“ aus den „Waldszenen“ op. 82.

In der laufenden Konzertsaison weilt Arcadi Volodos als Artist in Residence recht häufig am Gendarmenmarkt. Er wurde 1972 in Leningrad geboren, ist ein Schüler von Dmitri Baschkirow. Volodos lehnt Klavierwettbewerbe als Leistungsvergleiche ab. Seit gut zwei Jahrzehnten ist er weltweit unterwegs. In Berlin nutzt er die Gelegenheit, um sein Repertoire zu erweitern, um Neues auszuprobieren. Jahrelang hatten Brahms’ Klavierkonzerte in Volodos’ aktivem Repertoire keine Rolle gespielt, auch Brahms’ Solo-Klaviermusik nicht. Das wird sich nun wohl ändern. Brahms’ B-Dur-Klavierkonzert op. 83 jedenfalls passt sehr gut zu ihm.

Und das Konzerthausorchester mit Brahms’ zweiter Sinfonie op. 73? Ohne den russischen Wunderpianisten will sich nach der Pause keine Leichtigkeit mehr einstellen. Doch die hat Iván Fischer ohnehin nicht vor. Der Dirigent dringt auf einen dichten, strengen Brahms, der keinen Platz für individuelle Freiräume lässt. Alles scheint minutiös geprobt und geplant, eingepasst und eingebunden. Es ist ein unaufhörlich vorangetriebener Brahms, ein Brahms mit malmenden Gesichtszügen, ein Brahms, der niemals wirklich zur Ruhe kommt. Man kann zwar bewundern, in welch hohem Maß Iván Fischer die dunkel getönten Holzbläser an diesem Abend zum Verschmelzen bringt. Man kann aber auch den fast schon schmerzlich geballten Muskeltonus der Musiker spüren.