Interview

„Man muss auch etwas riskieren“

Sonya Yoncheva gilt als neue Anna Netrebko. Ein Gespräch über glückliche Zufälle und den Druck auf Superstars

Eigentlich war Sonya Yoncheva bei den letzten Pfingstfestspielen in Baden-Baden nur die dritte Wahl. Zunächst hatte Anna Netrebko die Partie der Marguerite in Gounods „Faust“ abgegeben, dann trat auch die eingesprungene Angela Gheorghiu von ihrem Engagement zurück. Die 33-jährige, in Plowdiw geborene bulgarische Sopranistin Sonya Yoncheva kam, sang und siegte. Wie schon in London und Wien, wo Yoncheva ebenfalls die Netrebko als Kindsmörderin ersetzt hatte. Heute gehört sie zu den aufsteigenden Sternen der Vokalszene. Sony hat sie bereits exklusiv unter Vertrag genommen, Daniel Barenboim hat an der Staatsoper Großes mit ihr vor. Zum Interview empfängt Yoncheva im „Waldorf Astoria Berlin“.

Berliner Morgenpost:

Frau Yoncheva, Sie haben als Barocksängerin angefangen. War das der richtige Weg?

Sonya Yoncheva:

Es war vokal absolut richtig. Es gab mir Flexibilität, Disziplin bei der Gestaltung der Ornamentik und der Aussprache, die in der Barockmusik besonders wichtig ist; also alles, worüber man als Sänger des 19.-Jahrhundert-Repertoires gern hinweghuscht, weil man große Bögen singen möchte. Es ist eine wunderbare Schule.

Wie haben Sie die Tore geöffnet?

Das geschah 2010 mit dem Gewinn des Operalia Wettbewerbs von Plácido Domingo an der Mailänder Scala. Ich bin bewusst dorthingegangen, um mich den großen Theatern zu präsentieren. Die haben mich offenbar gern durch ihre Türen spazieren lassen. Auch wenn ich mich immer ein wenig in die Verteidigungsposition gedrängt sah, ich beweisen musste, dass ich mehr kann, dass meine Stimme größer ist.

Was haben Sie mitgenommen aus Ihrer Barockzeit?

Gelassenheit und Präzision. Barock ist ein wenig wie Jazz, man lernt zu improvisieren, freier mit seinen Möglichkeiten umzugehen, man wird mutiger. Das hilft mir jetzt im romantischen Repertoire ungemein. Ich klebe da nicht völlig an den Noten. Und man bekommt einen Sinn für Sprache. Ich stelle bisweilen den Text über die Melodie. So wie bei Janáček, zu dem ich gern irgendwann einmal zurückkehren möchte. Bisher habe ich von ihm nur den Hahn im „Schlauen Füchslein“ gesungen, meine wohl einzige Hosenrolle! Da hatte ich sogar Sex mit einer Henne – was man als junge Sängerin nicht alles lernen muss! Und ich liebe Alban Berg, gerade wie er mit Worten umgeht. Da warte ich nur auf den richtigen Moment für mich. Und bitte, bitte, liebe Theater, ich möchte Korngold singen, nicht nur „Die tote Stadt“, auch „Das Wunder der Heliane“. Das mit der Nacktszene werden wir schon hinbekommen. Hoffentlich habe ich die Zeit und die Stimme für das alles.

Warum haben Sie sich gleich für die Solokarriere entschieden?

Und für volle Pulle Belcanto! Das war hart, aber das war auch meine Chance, mir ein neues Feld zu eröffnen. Ich hatte eine solide Ausbildung, Bühnenpraxis im Barock, aber sonst wenig Erfahrung. Also kam mein Instinkt zum Tragen, der hat mich weitergeführt. In Bulgarien singt man fast nur Verismo, deshalb bin ich auch schon so früh dort weggegangen, weil ich wusste, es gibt dort nur eine Tradition, die mich limitiert. Und ich wollte mich nicht früh als Tosca oder Liu verschleißen. Eine Pianistin hat mich auf das Konservatorium in Genf aufmerksam gemacht. Und dort lebe ich nun seit 13 Jahren.

So wie Sie es letztes Jahr als ewige Einspringerin für Anna Netrebko getan haben, erst Marguerite, dann Mimì.

Ja, ich war eine Zeit lang der Last-Minute-Sopran vom Dienst, und ich konnte keine der Rollen komplett! Aber ich bin eine wirklich gute Pianistin, das hilft mir beim Studieren natürlich sehr. Ich lerne ganz allein. Ich weiß, wie das geht, und die Rollen sind schneller im Kopf. Und doch merkt man erst auf der Bühne, ob ein Charakter wirklich zu einem passt. Ich bin zum Beispiel 2013 als Gilda eingesprungen. Ich fand, dass ich das wunderbar singen kann, aber es entspricht weder meinem Charakter noch meiner Stimme. Und jetzt, wo ich ein Kind habe, fühle ich mich diesem jungen Mädchen völlig entwachsen. Ein anderer Fall ist hingegen beispielsweise Gounods Julia. Die Partie wird musikalisch gegen Ende hin so dramatisch, das kann keine Anfängerin singen. Und in dieser Rolle fühle ich mich wohl, die sitzt gegenwärtig perfekt.

Wie weiß man, dass eine Rolle nicht oder nicht mehr passt, wenn man seine Engagements fünf Jahre im Voraus planen muss?

Eigentlich gar nicht, man kann nur hoffen. Oder man hat eine gute Technik und Disziplin, dass man sagt, okay, durch dieses Engagement kommt man trotzdem gut durch. Aber es ist wirklich ein Glücksspiel für alle, zu wissen, welche Rolle nun in einigen Spielzeiten passt. Obwohl beispielsweise der Intendant Peter Gelb genau das für mich an der Metropolitan Opera plant. Ich soll dort wirklich zu einer Größe immer weiter aufgebaut werden. Nachdem ich bisher immer nur die Einspringerin war und mich offenbar bewährt habe, werde ich an der Met mindestens zweimal pro Saison gastieren. So kann man etwas organisch entwickeln.

Aber ist das nicht auch eine Gefahr?

Natürlich. Denn zu den Opernterminen müssen jetzt auch noch die PR-Verpflichtungen und die Konzerttourneen kommen. Schließlich möchten die Labels, dass man nach einer CD-Veröffentlichung auch mit ebendiesem Repertoire präsent ist. Da müssen wir heute wie Popstars agieren und trotzdem mit unserem „normalen“ Kalender weitermachen. Da muss man Lücken lassen, sonst wird es schnell übervoll. Das habe ich zum Glück bei anderen Sängern beobachten können. Ich bewundere etwa eine Anna Netrebko für ihre Stärke. Man muss heute als Sänger sehr robust sein, einiges aushalten können. Man darf auch nicht vergessen, dass wir heute alle auf Facebook und Twitter präsent sind. Und man sieht ja, wie Bewunderung in diesen Medien auch schnell umschlagen kann. Man muss aufpassen, wie man sich verhält.

Ihr venezolanischer Mann, Domingo Hindoyan, ist Dirigent und 1. Assistent von Daniel Barenboim an der Staatsoper. Nun haben Sie ein kleines Kind. Wie wollen Sie jetzt eine Karriere gemeinsam schultern?

Mit Familienmanagement. Das heißt mit zuverlässigen Babysittern, hoffentlich ausgewogenen Egos – deswegen ist zunächst nichts Gemeinsames geplant – und gut abgestimmter Dreisamkeit zwischendurch. Nur eine glückliche Sängerin ist auch eine gute Sängerin.

Sonya Yoncheva: Paris, mon amour(Sony)