Theater

Mit Leichtigkeit verführen

Volksbühnen-Premiere: Herbert Fritsch inszeniert heute „der die mann“ von Konrad Bayer

Geht alles gut, schwebt am heutigen Mittwochabend durch die Volksbühne eine Finesse erlesenster Art: nämlich die Uraufführung von „der die mann“, keinem Stück im herkömmlichen Sinn, vielmehr einer graziösen Show aus Worten und Gesten, aus Sprech-, Gesangs-, Bewegungskunst, aus Farben und Musik, Licht und Luft und Stimmung. Der Regisseur dieses entrückten Bühnen-Gebildes, wie trunken wankend zwischen Ironie, Bissigkeit und Sentimentalität, ist Herbert Fritsch. Nach dem genauen Sinn seines tollen Treibens ohne Handlung, ohne Psychologie sollte man nicht fragen. Vielmehr muss man sich hingeben, einhorchen, einfühlen. Fantasie ist angesagt! Vorurteilslosigkeit! Naivität!

Als Vorlage für „der die mann“ dienen Texte von Konrad Bayer, dem nach Heiner Müller „interessantesten Autor“ der sogenannten Wiener Konkreten Poesie Anfang der 50er-Jahre. Müller: „Bayer war das wirkliche Genie dieser Gruppe und hat sich folgerichtig rechtzeitig umgebracht“ (im Gasherd). Beispielsweise schreibt Bayer neunmal hintereinander die beiden Worte „EIN UND“. Eine Reduktion, die erst durch einen bestimmten Rhythmus, eine besondere Klangfarbe, durch wechselnd chorisches oder solistisches Sprechen mit entsprechender Gestik und Bewegung zum Klingen kommt, und zum Sinn. Seltsame Sache, bestenfalls ein kostbares Kunststück.

Entsprechendes hat Herbert Fritsch (zuletzt „Don Giovanni“ in der Komischen Oper und „Ohne Titel Nr.1“ in der Volksbühne) mit „Murmel Murmel“ durchexerziert, auch in der Volksbühne. Vorlage war ein Skript des Schweizer Aktionskünstlers Dieter Roth (1930–1998), das auf 176 Druckseiten nur das eine Wort „Murmel“ wiederholt. Fritsch, mit all seinen Abstraktionen ein Füllhorn signifikanter Einfälle, machte aus dieser seriellen Seltsamkeit eine virtuose One-Word-Performance, die uns allein in der variantenreichen Wiederholung besagter Vokabel gewitzt die Welt erklärt, unsere Neurosen und Ängste, Abgründe und Untiefen, unsere schlimmen wie schönen Gelüste.

Fritschs Bühnenkunst, gereift durch ein Leben voll exzessiver Tiefs und Hochs, sein Wollen zielt auf Tief- und Übersinn, der unter Oberflächen wabert. Deshalb zelebriert er die „reine Oberfläche“, die „große Einfachheit“, das simple „EIN UND“. Doch all das mit akribischer Präzision! Nur so vermag die wahnwitzige Kompliziertheit (nicht nur bei Konrad Bayer) unversehens aufzuscheinen. Herbert Fritsch will animieren und verführen durch Leichtigkeit. Dahinter steckt Schwerstarbeit.