Fernsehen

„Gott weiß alles, aber Anne weiß alles besser“

Ein aufmüpfiges und nachdenkliches Mädchen: Die ARD erinnert an Anne Frank

70 Jahre hat es gedauert, bis ein deutscher Filmemacher die Geschichte aufgegriffen hat. US-Regisseur George Stevens war 1959 der erste, der Anne Franks Leben verfilmte, seitdem hat es immer wieder Versuche gegeben, ihrem Leben gerecht zu werden, im Fernsehen und im Kino, in Spiel- und Dokumentarfilmen. Gerade dreht Hans Steinbichler eine Fassung für das Kino mit Lea van Acken, Martina Gedeck und Ulrich Noethen. Mit viel Getöse hatten das ZDF und Oliver Berben zu Beginn des vergangenen Jahres erst eine Neuverfilmung angekündigt, die aber kurz darauf wieder abgesagt. Man hatte vergessen, sich beim Anne Frank Fonds um die Rechte zu bemühen.

Anne Franks Tagebuch zählt zu den bedrückendsten Dokumenten über das Leben im besetzten Holland – aufgeschrieben von einem Teenager. Anne Frank hat versucht, den antisemitischen Wahn der Nazis zu überleben und hatte sich mit ihrer Familie in Amsterdam in einer Wohnung versteckt. Aber sie wurden verraten und in Konzentrationslager deportiert, wo alle, bis auf den Vater, starben. Jetzt hat die ARD aus Anlass ihres 70. Todestags ihr kurzes Leben als Dokudrama verfilmt. Raymond Ley hat es in Szene gesetzt, in der Hauptrolle als aufmüpfig-nachdenkliches Mädchen überzeugt Mala Emde.

Die Geschichte von Anne ist eingebettet in eine Rahmenhandlung. Der Vater Otto Frank (Götz Schubert) kommt nach Kriegsende zurück in das Versteck in einem Hinterhaus in der Amsterdamer Prinsengracht. Hier gibt ihm seine Sekretärin Miep Gies (Renate Regel) das Tagebuch seiner Tochter. Da wissen die Zuschauer schon, dass Anne tot ist. Dann geht die Handlung zurück in die Kriegszeit in die beengten Verhältnisse im Versteck, in dem acht Menschen untergebracht sind. In Textausschnitten und Spielszenen lernen die Zuschauer die Familie Frank kennen, die aus Frankfurt nach Holland gekommen ist.

Anne vertraut ihrem Tagebuch ihre Wünsche und Träume an, die sich auf die Zeit nach Kriegsende beziehen. Sie möchte nach London oder Paris reisen, um Sprachen oder Kunstgeschichte zu studieren. Anne ist klug und reflektiert, manchmal auch altklug und frech. Alle Bewohner dieser Not-WG müssen um ihr Leben fürchten. Auf Juden ist in dieser Zeit ein Kopfgeld ausgesetzt. Es gibt zahlreiche Denunzianten. Die Menschen in dem Versteck müssen sich ertragen. Sie erstellen Badbenutzungslisten. Kein Wunder, dass sie - trotz aller Vernunft - während der zwei Jahre immer wieder Lagerkoller bekommen.

Anne ist ein Vaterkind. Das rechtfertigt die rückblickende Erzählweise aus der Perspektive von Otto Frank. Auch dass er einige Einträge seiner Tochter redigiert, bleibt nicht unerwähnt. Zur Mutter hat Anne keinen so guten Draht. Sie sagt über ihre naseweise Tochter: „Gott weiß alles, aber Anne weiß alles besser.“ Ihr Kind fühlt sich davon genervt, immer vernünftig sein zu müssen. „Kann mal jemand nur den Backfisch in mir sehen?“, fragt sie. Der Zahnarzt, mit dem sie sich ihr Zimmer teilt, will ihr den Schreibtisch nicht überlassen. Seine Forschung hält er für wichtiger.

Anne steckt in der Pubertät, ihre Stimmungen schwanken dementsprechend. Sie will sich gern abnabeln, hat dazu aber in der gefährlichen Situation kaum Gelegenheit. Sie träumt davon, wieder in ihrer alten Wohnung zu sein und sich frei bewegen zu können. Und manchmal ahnt sie vielleicht, dass die Sache für sie nicht gut ausgehen wird.

„Meine Tochter Anne Frank“ hat Regisseur Raymond Ley verfilmt, ein Spezialist für Dokufiktion, der auch die Dokudramen über die Hamburger Sturmflut von 1962 „Die Nacht der großen Flut“ und „Die Kinder von Blankenese“ über jüdische Waisenkinder, die nach Kriegsende auf ihre Ausreise nach Palästina warten, inszeniert. Über seine Protagonistin Anne Frank sagt er: „Das ist wie Hamlet. Weltliteratur.“

„Meine Tochter Anne Frank“ Mi, 20.15 Uhr, ARD