Klassik-Kritik

Evgeny Kissin führt luxuriöse Virtuosenstücke vor

Der russische Starpianist wird in der Philharmonie gefeiert

Kollektiver Chopin-Rausch in der Philharmonie. Star-Pianist Evgeny Kissin badet die Zuhörer in sanften Zauberströmen, lässt sie taumeln inmitten emphatischer Gefühlswirbel. Bereits die erste hauchzarte Melodiewindung des b-Moll-Nocturne op. 9 Nr. 1 macht süchtig. Zum Weinen schön die melancholisch geschwungenen Kantilenen im H-Dur-Nocturne op. 9 Nr. 2. Unglaublich die heilige Ruhe, mit der Kissin den Mittelteil des c-Moll-Nocturne op. 48 Nr. 1 entfaltet. Nach einem luxuriös schillernden Strauß Chopin-Mazurken gehen schon die Saallichter an.

Franz Liszts nachfolgende Ungarische Rhapsodie Nr. 15 wirkt dadurch wie eine Zugabe. Reißerisch rast Kissin durch die Partitur. Mit einem verwegenen Salto hechtet er in den finalen Rakoczy-Marsch. Kissin präsentiert sich bei Liszt von seiner anderen, jugendlicheren Seite – als Virtuose, der dem Publikum heftige Jubelrufe abzwingen möchte. Und das funktioniert nach wie vor. Ein aufgeputschter Saal bedrängt den Pianisten hinterher, fordert lautstark ein Encore nach dem anderen. Kissin liefert und liefert: Chopins elegischen h-Moll-Walzer op. 69 Nr. 2, Liszts präzise dahinjagende Paganini-Etüde Nr. 5. Nach einer gefühlten Ewigkeit zieht der 43-jährige Russe auch noch Prokofievs pompös-grotesken Marsch aus „Die Liebe zu den drei Orangen“ hervor.

Doch dann möchte er nicht mehr. Verabschiedet sich bleich lächelnd und mit steifen Verbeugungen. Fürwahr ein kräftezehrender Abend, selbst für einen Wunderpianisten wie Evgeny Kissin. Ein Abend, der mit Beethovens dampfender Waldstein-Sonate und Prokofievs teuflisch vertrackter Vierten in der ersten Konzerthälfte geradezu überfrachtet wirkt. Genialisch duckt sich Kissin zuweilen in die Tasten, macht Katzenbuckel und energische Kopfnicker. Die federnden Beethoven-Akkordrepetitionen lassen seine Haarpracht verwegen wippen.

Kissin nimmt sich in der Waldstein-Sonate viele Freiheiten: gewaltige Crescendi, spektakuläre Tempowechsel, Dolchstoß-Akzente, betörende Pedalschleier. Es ist ein ausschweifender Beethoven, der schon ganz unter dem Bann von Chopin und Liszt zu stehen scheint. Erstaunlich, wie nahtlos sich Prokofievs vierte Sonate daran anschließt. Nicht nur Kissin verlässt an diesem Abend ermattet den Saal. Auch das reich beschenkte Publikum.