Kino

Märchenwald als Psychodschungel

Ein Film-Musical rührt gleich mehrere Fabeln durch den Märchen-Mixer. Und alle Stars singen selbst: „Into the Woods“

Aschenputtel-Inflation! Eben noch hat Kenneth Branagh mit seiner pompös-zuckrigen Neuverfilmung von „Cinderella“ die Berlinale schlussveredelt, mit Lily James in der Titelrolle, da begegnet uns das Aschenbrödel ab Donnerstag schon wieder im Kino, nun verkörpert von Anna Kendrick. Aber diesmal nicht in einer klassischen Filmadaption. „Into the Woods“ rührt gleich mehrere uns sehr vertraute Figuren durch den Märchen-Mixer. Krempelt unsere ganze gewohnte Kinderstubenerwartung mit Lust um. Und erzählt uns das Ganze auch noch – als Musical. Das übrigens muss man unbedingt wissen. Denn während uns Kinotrailer sonst gewöhnlich den halben Film verraten, kann man in diesem Fall in keiner Sekunde erahnen, dass gesungen wird.

Der Fluch der bösen Hexe

Man stelle sich das vor: Man geht ins Kino, um einen Fantasyfilm zu sehen. Meryl Streep als Hexe, das klingt ja vielversprechend. Johnny Depp soll auch irgendwie mitspielen. Und die Effekte werden ihr Übriges tun. Aber dann fangen plötzlich alle an zu singen. Hören gar nicht mehr auf. Und singen auch nicht irgendwas. Sondern Sondheim. Unter allen Musicalkomponisten ist Stephen Sondheim sicher derjenige, der am meisten mit Evergreens und Ohrenschmeichlern geizt. Das erklärte Gegenstück zu Andrew Lloyd-Webber oder all den Welthit-Zweitverwertungen à la „Mamma Mia!“ Sondheim hat das Genre näher an die Oper gerückt als jeder andere.

Klar, es gibt „West Side Story“, auch wenn wohl nie ganz geklärt wird, wie viel da wirklich von Bernstein und wie viel von ihm stammt. Aber die reinen Sondheim-Werke wie „Company“ oder „Follies“, die bieten sehr anspruchsvolle und nicht gleich eingängige Melodien. Und so sehr sie auch geliebt werden am Broadway in New York und am West End in London, fristen sie bei uns in Deutschland nach wie vor eher ein Schattendasein. „Sweeney Todd“ etwa mit Dagmar Manzel war 2004 eine der schönsten Inszenierungen an der Komischen Oper Berlin, musste aber nach nur wenigen Aufführungen abgesetzt werden – weil das Publikum ausblieb. Während Tim Burton das Stück zwei Jahre später mit Stars wie Johnny Depp und Helena Bonham Carter verfilmte.

„Into the Woods“, nach dem Buch von James Lapine, handelt von Rotkäppchen, von Rapunzel, von Aschenbrödel. Auch von einem Bäckers-Pärchen, das wir so weder aus Grimms noch aus Musäus’ Märchen kennen. Das wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind, ist aber von einer bösen Hexe verflucht. Und muss, um den Fluch zu brechen, allen anderen Märchenfiguren etwas abschwatzen oder wegstibitzen. All diese Figuren werden in einer grandiosen, fast viertelstündigen Ouvertüre mit derselben, ewigen Melodie eingeführt: „I wish“, singen sie, „more than anything.“ Sie wollen was, um jeden Preis, und sie kriegen es dann auch. Ist ja schließlich ein Märchen.

Plädoyer für Patchworkfamilien

Doch Märchen sind an diesem Punkt eben zu Ende. „... und wenn sie nicht gestorben sind“, heißt das dann so schön. Aber da kehrt sich der heitere Märchenmix plötzlich um und hinterfragt das ganze Genre. Hier wird plötzlich wirklich gestorben, hier zerbröseln die fabulösen Happy Ends, und alle Wünsche, die sich erfüllt haben, erweisen sich als Bumerang des Schicksals. Am Ende lässt Aschenputtel ihren Prinzen ziehen, der Bäcker muss ohne seine Frau auskommen, lauter versprengte Wesen sind das am Ende, die lernen, dass sie nur gemeinsam bestehen können. Das Musical, 1987 uraufgeführt, war so etwas wie ein frühes Plädoyer für die Patchworkfamilie.

Verfilmt hat es nun Rob Marshall. Das ist in jeder Hinsicht ein Gewinn. Der Mann hat nicht nur „Chicago“ verfilmt, eine der mitreißendsten Musicalverfilmungen der jüngsten Zeit, er ist darüber hinaus auch Bühnenregisseur und Emmy-erprobter Choreograph. Schon seit zwölf Jahren hat er auf eine Verfilmung von „Into the Woods“ hingearbeitet, auch wenn er dann doch erst das Musical „Nine“ dazwischengeschoben hat.

Gleich als Erste konnte Marshall Meryl Streep gewinnen, die es bislang immer abgelehnt hatte, eine Hexenrolle zu übernehmen, nun aber mit umso mehr Leidenschaft dabei ist und stimmlich noch mal deutlich zugelegt hat gegenüber ihrem „Mamma Mia!“-Einsatz. Anna Kendrick hat in Filmen bislang selten die Hauptrolle gehabt, ist dafür aber Broadway-erprobt und hat als Aschenbrödel vokalen Vorteil. Emily Blunt dagegen, die die Bäckerin spielt, hat noch nie gesungen. Genauso wenig wie Enterprise-Käpt’n Chris Pine, der sich als Prinz in „Agony“ mit einem zweiten Prinzen im Duett streitet, wer wohl der schönere, der bessere, der eitlere Prinz ist. Vor grauen Zeiten hat man Stars noch agieren lassen, aber die Singstimmen von Berufssängern Playback eingespielt. Das ist lange her. Heute müssen die Stars auch Stimme zeigen. Und das macht den großen Reiz dieses Singspiels aus.

Märchen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Sie müssen umgekrempelt werden, um uns heute noch was Neues zu erzählen. So wie „Maleficent – Die dunkle Fee“, die uns die Dornröselei aus der Sicht der – scheinbar – Bösen erzählte. Branaghs „Cinderella“ fiel als ganz klassische Märadaption hinter diesen Trend zurück, Sondheims Musical dagegen ist da genau richtig. Sein betont künstlicher Märchenwald wird zu einem überraschend modernen Psychodschungel, in dem sich allerlei Unterbewusstes rankt. Nichts für die ganz Kleinen, umso mehr aber für die, denen man eigentlich keine Märchen mehr erzählen kann.