Klassik-Kritik

Mit geballter Energie durch Berlioz’ Notendschungel

Tugan Sokhiev treibt die Musiker durch die Partitur

Gar nicht so leicht, Hector Berlioz ohne Einschränkung zu lieben. Bereits in der fiebrigen „Symphonie fantastique“ von 1830 scheint der Franzose einen Großteil seiner Genialität verschossen zu haben. Sein Folgeschaffen schillert zwar weiterhin vor kühnen Ideen und spektakulären Gattungsmischungen. Doch es fehlt das Zwingende, der Drang zur Vollendung. Auch Berlioz’ „Roméo et Juliette“-Sinfonie aus dem Jahr 1839 fällt in diese Kategorie: ein 100-minütiges Mammutwerk mit Chor und Solostimmen, ein Werk, das seiner Zeit vorauseilen möchte und zugleich erstaunlich unfertig wirkt. Triviales tummelt sich hier mit kunstvoll Hochtrabendem, Tiefsinniges paart sich mit pastoraler Naivität.

Das Deutsche Symphonie-Orchester bahnt sich mit geballten Energien durch den Notendschungel. Es stutzt kontrapunktische Wucherungen, beackert flächige G-Dur-Seligkeiten. Ein sehr gründlicher, deutlicher Berlioz ist das. Mit kristallklaren Streichern, geharnischtem Holz und offensivem Blech. Chefdirigent Tugan Sokhiev treibt die Musiker zielstrebig durch die Partitur. Das DSO meidet französischen Esprit und verführerische Parfümdüfte. Es erdet Berlioz in deutsch-russischer Manier. Die Musiker beschönigen nichts. Plumpe Instrumentationseffekte wirken bei ihnen wirklich plump, banale Kantilenen wirklich banal.

Berlioz hat seine „Roméo et Juliette“-Sinfonie recht eigenwillig angelegt. Er greift einzelne Momente der berühmten Liebesgeschichte auf, zieht sie in die Länge, bindet sie in seltsam kreisende Zeitläufe. Vieles fehlt, auch Wesentliches. Anderes komponiert Berlioz einfach dazu. Den Trauerzug der scheintoten Juliette zum Beispiel. Sokhiev gibt hier irritierend viel Gas. Das DSO rast wie ein Leichenwagen auf der Überholspur.

Bittersüße Erotik bieten die Musiker in der Liebesszene zuvor, exquisite Saltos im sommernächtlichen Elfen-Scherzo. In Shakespeares Vorlage findet sich lediglich ein kleines, beiläufiges Gedicht über die Fee Mab. Berlioz dagegen widmet der luftigen Märchengestalt einen ganzen Satz. Der Rundfunkchor agiert an diesem Abend auf gewohnt hohem Niveau, sorgt zuweilen für berückende Leichtigkeit. Die Partie der Mezzosopranistin Sasha Cooke hat Berlioz viel zu kurz komponiert. Der Publikumsapplaus hält sich in respektvollen Grenzen. Und trotzdem: Man muss dem DSO dankbar sein für dieses Berlioz-Initiative. Es leistet Pionierarbeit.