Porträt

Eigentlich kann sie alles allein

Seit sieben Jahren lebt Caterina Barbieri alias MissinCat in Berlin. Mit „Pirates“ ist der italienischen Sängerin der erste Hit geglückt

Caterina Barbieri sagt, es geht. Man kann Sängerin sein, also eine recht unbekannte, und davon leben. Vielleicht sei es manchmal „tough“ mit dem Geld, so denglisch formuliert sie das, etwa zwischen zwei Alben, aber trotzdem, nein, sie ist Sängerin – Punkt. Sie muss nicht nebenbei arbeiten. Sie will kein Schrägstrichleben und sie führt es auch nicht. Hier in Berlin akzeptiert man das, sagt sie. In ihrer Heimat Mailand, der Kulturstadt, der Medienstadt Italiens, sei das anders. Da sei man provinzieller eingestellt, spießiger. Sängerin, hörte sie da immer wieder, ja schön, aber was arbeitest du? Und dann kommt sie vor sieben Jahren aus dem vermeintlichen Dolce Vita ausgerechnet nach Deutschland, dem grau, grau, ernst Beamtenland und findet Akzeptanz.

Aber Berlin ist eben nicht Deutschland. „In Stuttgart wäre es vielleicht schon wieder anders, oder?“, fragt sie und dann lacht sie rau, während sie mit einer Hand an den schwarzen Söckchen in ihren Boots rumnestelt. Silberfäden laufen durch ihre Socken. Wie alt sie ist, das verrät sie nicht. Aber die Silberfäden in ihren Söckchen sind ganz schön 80er-Jahre.

Dicht und eingängig

Wenn Caterina Barbieri auf die Bühne geht, dann heißt sie MissinCat wie „Missing Cat“ – „Katze verloren“ – dem „Wanted“-Posterspruch der Haustigersuchenden. Den Namen trägt sie seit 2006. Nach seiner Bedeutung fragen muss man nicht. Die meisten Namen haben keine Bedeutung. Viel wichtiger ist ihr Klang, und wie sie aussehen, wenn man sie druckt – auf Plattencover zum Beispiel.

Barbieris drittes Album erscheint im Februar. „Wirewalker“ ist so ganz leicht verhuschter Indiepop. Irgendwo zwischen Spieluhrklimpern, Weißwein trinken und in die Halsbeuge flüstern. Stimmlich erinnert MissinCat an die dänischen Lampshade und deren Sängerin RebekkaMaria. Vielleicht auch ein bisschen an Ellie Goulding, nur halt ohne die Power-Dance-Pop-Produktion. MissinCat, das ist vor allen Dingen zart.

Auf der Bühne steht die verlorene Katze unter ihrer dichten blonden Mähne allein. Sie looped mal ein Klatschen, dann husch, stimmt sie ihre Gitarre – „Ich kann dabei nicht reden“, sagt sie – schüchtern wirkt sie und dann Gesang, stehend am Mikrofon, husch, das nächste Lied, dieses Mal am Keyboard. „Pirates“, heißt die Single, und sie ist es zurecht, sie ist am dichtesten, eingängig und halt wirklich schön.

Wie auch „Capita“, das singt sie auf italienisch. Eigentlich ist es ein Duett. Mit Dente nahm sie es auf, dem italienischen Anti-Schmuse-Sänger, der am Valentinstag mal ein Album veröffentlichte das „L’Amore non è bello“ – „Die Liebe ist nicht schön“ – hieß. In Italien ist Dente mittlerweile groß, sagt Barbieri. Aber sie braucht ihn nicht, das Duett kann sie auch allein.

Eigentlich kann sie alles allein. Ihr erstes Album nahm sie ohne fremde Hilfe auf. Produziert hat sie es auch. Einzig das Studio konnte sie nicht allein bezahlen. Aber da half ihr Glück im Unglück. Barbieri hatte damals einen Wettbewerb gewonnen und damit einen Auftritt bei dem Heineken Jammin’ Festival in Venedig. Pearl Jam, The Killers, My Chemical Romance sollten spielen. Und sie. Aber ein Sturm schmiss die Bühne um. Das Festival wurde abgesagt. Sie erhielt eine Entschädigung. 30 Tage Studio für sie und ihre Gitarre. So „stripped down“, sagt sie auf Englisch, wollte sie alles haben. Heute beginnt sie ihre Musik wieder mehr zu füllen, mehr Instrumente, mehr Spuren, mehr Druck. Vielleicht sagt sie, weil sie nun mehr moderne Popmusik höre, Alt-J, Chet Faker und Woodkid zum Beispiel. Früher da hörte sie vor allem Billie Holiday und Nina Simone.

Auf ihrem Zeigefinger, zwischen Finger- und Fingermittelgelenk, sitzen kleine Kringel. Sie sehen aus wie ein Henna-Tattoo. Aber wegwischen funktioniert nicht. Die Tinte liegt tief. Die Kringel sind aus einer Phase, wo sich an der Kunstschule in Mailand alle „studenti“ selbst tätowierten, sagt sie und lacht. Nach Töpfern, Malen, Zeichnen, Selbsttätowieren hat sie Psychologie studiert. Aber das schon nur noch halbherzig. Jeden Abend nach den Seminaren und Plenen hat sie Musik gemacht. Geprobt mit ihrer Girlband. Vertigini. Schwindel, heißt das auf Deutsch, aber es ist wahr. Sechs Jahre war sie mit drei Frauen unterwegs. Nasenringe, Hüftschlaghosen, dicker Lidstrich. Es war diese Zeit, in der Frauenbands sein wollten wie Sleater-Kinney oder Bikini Kill, aber scheiterten. Caterina spielte Bass und schrieb die Songs. „Call me crazy“ hieß ihr erstes und letztes Album. Denn als sie einem Freund eines Tages neue Songs für Vertigini vorsang, sagte er, das klingt so gut, sing doch mal selbst, und sie hörte auf ihn und sang selbst über sich selbst.

Die Songs auf „Wirewalker“ handeln vom Nachts-im-Bett-liegen-und-über-Liebe-Nachdenken. Sind wir zu schwach, um uns gegenseitig zu helfen? Vom-nachts-im-Park-sitzen-und-über-Liebe-Nachdenken. Warum spielen wir dieses Spiel miteinander? Barbieri singt von Trost und Schutz und Narben und wieder und wieder von Liebe. Oder eben dem, was man als junger Großstadtmensch so darunter versteht. Mit dem Hamburger Geschwisterduo Hundreds geht sie bald auf Tour. Sie sagt, sie freut sich drauf, denn Applaus sei natürlich das, wovon ein Künstler zehre. Aber ob sich der Applaus nun eines Tages verdichte, und sie mal ganz groß würde, oder ob sie immer klein bleibe, das sei im Grunde nicht wichtig. Nur weitermachen will sie können.